Welttag der Poesie 2019 – Von Sprache, Magie und Worten

21. März 2019Marie

*Werbung – Kooperation mit Viking

Kitsch. Deutschunterricht. Langweilig. Unnötig. Das ist vermutlich eine der gängigsten Assoziationsketten, wenn das Wort Poesie fällt. Die Lyrik hat schlichtweg keinen guten Ruf, sie ist nicht so cool wie die große Schwester – die Epik. Und das obwohl auch Gedichte Geschichten erzählen; pointierter und aufreibender manchmal noch als Romane es mit so vielen Worten versuchen. Denn wenn ein Gedicht sprachlich wirklich gut ist, dann lässt es nicht mehr los: Ein kleines Kunstwerk aus Worten. Um an „die Vielfalt des Kulturguts Sprache“ zu erinnern und der Poesie, zumindest für einen Tag, eine große Bühne zu bieten, wird heute der Welttag der Poesie zelebriert. Bereits im Jahr 2000 hat die UNESCO den 21. März für diesen besonderen Anlass ausgerufen. Gefeiert wird er übrigens mit Lesungen, Ausstellungen und Vorstellungen lyrischer Werke in den Medien. Zu diesem Zweck habe ich euch, in Kooperation mit Viking, eines meiner liebsten Gedichte (zumindest die erste Strophe davon) in Szene gesetzt. Mehr zum Thema Schreiben erfahrt ihr übrigens in Vikings Beitrag zur Aktion.

Ich weiß gar nicht so genau, warum Kleines Solo von Erich Kästner eine so besondere Wirkung auf mich hat, aber seit dem Tag, an dem ich es das erste Mal gelesen habe, lässt es mich nicht mehr los. Sicher, es ist sehr traurig, aber es hat auch eine ganz bestimmte Melodie und Sprachgewalt, die mich jedes Mal aufs Neue fasziniert. Generell gefallen mir Kästners Gedichte, vielleicht, weil sie nicht so verstaubt und irgendwie modern sind. Weil sie Alltagssituationen und Gedanken so pointiert einfangen, dass sie mitten ins Herz stechen. Vielleicht aber auch einfach, weil ich Sprache mag und Kästner so schön mit ihr spielen kann. Aus welchem Grund auch immer, das Gedicht begleitet mich nun schon lange und auch wenn ich die „Einsamkeit zu Zweit“ nur aus einzelnen Situationen kenne, gefällt es mir heute noch wie damals. Weil es immer wahr sein kann, vielleicht.

Kleines Solo von Erich Kästner

Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine. Kennst das Leben.
Weißt Bescheid. Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Musst erfahren,
dass es nicht die Liebe ist …
Bist sogar im Kuss alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine –
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Gedichte sind immer irgendwie intim. Sie geben nicht nur etwas über den Dichter preis, sondern auch über denjenigen, der es liest und mag. Romane kann man spannend, bewegend und aufwühlend finden, aber Gedichte sind irgendwie mehr als das. Vielleicht ist das ein Grund, warum sie so verpönt sind: Weil man sich verletzlich und nackig fühlt, wenn man zugibt, ein bestimmtes Gedicht zu mögen und weil es so viele Deutungsebenen gibt. Ein Gedicht bedeutet für jeden etwas anderes, man projiziert seine eigene Geschichte hinein.

Zum Gestalten meines liebsten Gedichts hat Viking mir freundlicherweise ein ganz wundervolles Überraschungspaket zugesendet, in dem sich zwischen lauter schönen Sachen auch ein Kalligraphie-Set versteckt hatte. Ich gestehe an dieser Stelle einfach mal, dass ich davor noch nie wirklich etwas für Handlettering und Kalligraphie übrig hatte – oder es zumindest nie versucht habe, weil ich davon ausgegangen bin, dass mir das ohnehin nicht liegt. Anfangs war es auch wirklich schwer, mit der hübschen Feder ein anständiges Wort zu schreiben, aber inzwischen, und nach ein bisschen Übung, macht es tatsächlich richtig viel Spaß. Klar, perfekt ist es noch lange nicht, aber für das erste Mal bin ich sehr zufrieden – auch wenn ich lieber nicht erzählen möchte, wie oft etwas verwischt ist, ich einen Schlenker falsch gesetzt habe und wie tintenbefleckt meine Finger sind.

Trotz anfänglicher Skepsis glaube ich, dass ich öfter mal wieder zu der Feder greifen und meine Lieblingsgedichte einfach mal in einem kleinen Notizbuch zusammentragen werde. Irgendwie vergisst man ja doch immer mal wieder, wie ein bestimmtes Gedicht heißt oder wo man es gefunden hat – warum nicht direkt aufschreiben und verewigen? Wie Kästner so schön schrieb: Aus der Wanduhr tropft die Zeit und in dieser schnelllebigen Welt ist es schön, auch einfach mal inne zu halten und etwas ganz absurdes zu tun, das irgendwann vor dem Internet ziemlich populär war und wirklich jeder getan hat: zu Schreiben, mit der Hand. Das hat irgendwie etwas Meditatives.

In diesem Sinne wünsche ich euch einen lyrischen Welttag der Poesie voller schöner Wörter und Sprachmagie. Vielen Dank an Viking für die schöne Aktion und das liebevoll gepackte Paket!

Wie sieht das denn bei euch aus? Mögt ihr Gedichte und wenn ja, was bedeuten sie euch? Habt ihr euch schon einmal an Handlettering oder Kalligraphie versucht und ist das etwas für euch?

 

Eure Wortmalereien (2)

  • Fina

    22. März 2019 at 12:04

    Hallo Marie, 🙂

    „Kleines Solo“ hat mich gerade total in meine Abi Zeit zurück versetzt, weil wir das Gedicht da durchgenommen haben und ich es in der Schulzeit immer total faszinierend fand herauszufinden, was der Autor mit verschiedenen Stilmitteln so alles in und zwischen den Zeilen versteckt hat. So ein bisschen wie ein literarischer Detektiv. Ich habe nach der Schule erst mal Abstand zu Gedichten gebraucht und musste erst mal dahin finden, dass man Gedichte auch zur Freude lesen kann und nicht alles analysieren muss. 😀 Mittlerweile konnte ich die Schönheit von Gedichten auch im Privaten für mich entdecken und lese gerne auch Klassisches, aber auch Poetry Slam und moderne Dichtkunst im weitesten Sinn hat es mir angetan. Handlettering habe ich auch schon mal versucht, bin aber leider wenig talentiert. Vielleicht kommt das im Zuge des Bullet Journalings nochmal vertieft in meine Hobbies zurück, wer weiß…

    Liebe Grüße
    Fina

    P.S. P.S Ich habe einen Colleen Hoover TAG ins Leben gerufen und dich getaggt. Falls du Lust hast mitzumachen würde ich mich freuen ^^
    https://buchlabyrinth.blogspot.com/2019/03/tag-colleen-hoover-ganz-gro.html

    1. Marie

      22. März 2019 at 17:50

      Hallo liebe Fina,

      ach wie cool, dass du das im Abi hattest! Wir haben damals leider nur sehr alte Gedichte analysiert und nie so „junge“. Ich mochte das auch immer total gerne, literarischer Detektiv zu spielen – sehr treffende Beschreibung 😀 Deswegen habe ich dann wahrscheinlich auch Literatur- und Sprachwissenschaften studiert!

      Poetry Slam und moderne Gedichte mag ich auch gerne, wobei mir letzere oft zu einfach & nur in ihrer Bedeutung schön sind – irgendwie fehlt mir da oft dieses Sprachspiel! Kommt aber auch echt drauf an.

      Vielen Dank übrigens auch für das Taggen 🙂 Prinzipiell hätte ich schon Lust mitzumachen, leider habe ich bisher nur 2 oder 3 Bücher von ihr gelesen und kann dazu gar nicht so viel sagen! 😀 Aber mal sehen, vielleicht fällt mir ja etwas ein!

      Viele liebe Grüße
      Marie

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