Warten auf Schnee von Karoline Menge

5. November 2018Marie

Die sechzehnjährige Pauline, genannt Pauli, lebt gemeinsam mit ihrer Schwester Karine und ihrer Mutter in einem kleinen, abgeschiedenen 90-Seelen Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben ist. Die Dorfidylle jedoch ist getrübt, denn immer wieder verschwinden die Bewohner, von einem Tag auf den anderen, ohne sich zu verabschieden oder jemals wiederzukehren. Als auch die Mutter der beiden Schwestern geht und das Dorf immer leerer wird, versuchen Pauli und Karine sich selbst durchzuschlagen, doch ihre Vorräte gehen zur Neige und der Winter hält langsam, aber sicher Einzug…

Eine Atmosphäre wie fallender Schnee – schwermütig, entrückt, verträumt!

So leise wie fallender Schnee und so ohrenbetäubend still wie ein verschneiter Wald fühlt sich Karoline Menges Romandebüt Warten auf Schnee beim Lesen an und macht damit dem Titel alle Ehre. Mit einem eindringlichen und lebendigen Schreibstil erschafft Menge eine besondere Atmosphäre, die sich schwermütig, verträumt und entrückt wie Nebel um den Leser legt und ihn umhüllt. Genau diese Atmosphäre trägt die relativ handlungsarme Geschichte, die insbesondere aus kurzen Momenten der Gegenwart und Einblicken in die Vergangenheit besteht, und nie preisgibt, was Realität und was Illusion ist. Tatsächlich ist Warten auf Schnee bis zum Ende sehr offen gehalten und lässt den Leser, ebenso wie Pauli in der Schwebe. Die Geschichte bietet keine offensichtlichen Lösungsvorschläge an, sondern stattdessen ein großes Maß an Interpreationspotenzial, was dazu führt, dass man sehr aufmerksam und konzentriert liest – allerdings kann man das Buch auch so lesen, wie es sich gibt und schlichtweg die besondere Amtosphäre genießen. So oder so ist Warten auf Schnee kein einfaches Buch, keines, dass sich schnell inhalieren und noch schneller verdauen lässt – im Gegenteil.

Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive von Pauli erzählt, deren Wahrnehmungen oft entrückt und bizarr wirken. Sie ist eher introvertiert und ängstlich; ihr Fokus richtet sich eindeutig auf die Sicherheit des Dorfes – die Vorstellung, wohin die verschwindenden Dorfbewohner gehen könnten, entzieht sich ihr gänzlich; das, was hinter den Hügeln bei ihrem Dorf liegen könnte, macht ihr Angst. Außer ihrer alltäglichen Routine, die sich auf Essensvorbereitungen, Wäsche waschen und Holz hacken beschränkt, erlebt man durch Paulis Augen besonders die Vergangenheit und ihre Kindheitserinnungen, die sich meistens um ihre Mutter und ihren Vater und die Beziehungen untereinander drehen. Ebenso kryptisch bleibt das Dorf, das sich jeglicher Zeit- und Ortsbestimmung entzieht und sich nicht deutlich positionieren lässt – der Rest der Welt jedenfalls scheint nicht zu existieren, zumindest nicht für Pauline. So erhält der Leser mit jeder Seite ein weiteres Puzzleteil für eine mystisch angehauchte Geschichte, deren Bild sich nur lückenhaft und verschwommen zusammensetzen lässt – mal passt es ins Bild, dann wieder nicht.

Horror- und Märchenelemente verzerren eine klare Antwort

Die Handlung ist in diesem Fall eindeutig zweitrangig und während des Lesens weiß man eigentlich nie so richtig, wo die Geschichte eigentlich hin will und was mit den Dorfbewohnern geschieht. Gerade diese Tatsache sorgt jedoch dafür, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann und immer weiterlesen will, um eine Art Antwort zu erhalten – auch wenn man schon bald erahnen kann, dass eine solche nicht kommen wird. Zwar hätte ein wenig mehr Handlung dem Buch sicherlich noch mehr Spannung einflößen können, allerdings ist das nur ein kleiner Kritikpunkt, der nicht allzu sehr ins Gewicht fällt. Warten auf Schnee lebt von seiner Uneindeutigkeit, von seiner dichten Atmosphäre und dem bildhaften, aber kühlen Erzählstil. Es ist ein Buch, auf das man sich ganz klar einlassen muss, das einen dann aber umso mehr packt.

Diese entrückte Atmosphäre wird, ungefähr ab der Hälfte des Buches, immer wieder von Horror- und Märchenelementen unterstützt, was der Geschichte spannungstechnisch nützlich ist. Der böse Wolf und unzählige Spinnen sind da nur ein kleiner Teil, der düsteren Stimmung, die sich zum Ende immer weiter zuspitzt und auch die Möglichkeit an Interpretationen erweitert. Ob nun eine psychische Krankheit wie Schizophrenie der Grund für die verzerrte Wahrnehmung ist oder die Geschichte eine Metapher für das Erwachsenwerden und die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten, ob Einsamkeit das größte Thema ist oder die Entfremdung von der Natur – all das und vermutlich noch viel mehr ist möglich, aber nicht explizit beweisbar. Am Ende ist Warten auf Schnee in jedem Fall ein beeindruckendes Debüt, das allein sprachlich schon eine Empfehlung wert ist. Wer immer eine eindeutige Antwort oder Lösung braucht, wird vermutlich nicht viel Spaß mit der Geschichte haben – allerdings lässt sich das Buch natürlich auch als sehr bizarres Märchen lesen.

Eckdaten

Frankfurter Verlagsanstalt (FVA) / Hardcover / 200 Seiten / 20,00€ / ISBN 9783627002589 / 2018 / *Rezensionsexemplar

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