Rezension | Walled City von Ryan Graudin

9. Februar 2016Marie
Rowohlt Rotfuchs | Hardcover | 432 Seiten | €16,99 | The Walled City | Katharina Naumann (Übers.) | Kaufen?
Jin schlägt sich als Junge verkleidet durch die Straßen von Hak Nam, stets auf der Suche nach ihrer großen Schwester Mei Yee, die an ein Bordell verkauft wurde. Währenddessen erlebt diese im Quartier der Bruderschaft des Roten Drachen täglich die Hölle auf Erden und versucht alles, um sich nicht brechen zu lassen. Als eines Tages der fremde Junge Dai vor ihrem Fenster steht und ihr mit einer Muschel die Freiheit verspricht, schöpft sie neue Hoffnung. Doch Dai hat andere Probleme, denn seine Zeit läuft ab – entweder er liefert Longwai, den Anführer der Bruderschaft, aus oder er landet selbst hinter Gitter. Drei Jugendliche, die in der Walled City ums schiere Überleben kämpfen – im Hintergrund stets die Zeit, die immer knapper wird…

Mit diesem Gedanken im Hintergrund – nämlich dem, dass es die Walled City tatsächlich gegeben hat und dass sie ein Nest für Drogenhandel und Prostitution war – liest sich die Geschichte um Jin, Dai und Mei Yee auf eine noch grausamere Art und Weise. Ryan Graudins „Walled City“ ist eine düstere und schreckliche Geschichte, die zwar (wie in den Anmerkungen erwähnt) keinen historischen Wert hat, insgesamt aber die Zustände des realen Vorbilds wiederspiegelt und eine Handlung um drei Jugendlich webt, die bis zum Ende spannend, vielschichtig und rasant bleibt. Bildgewaltig und auf eine raue Art poetisch erzählt Graudin von Themen wie Prostitution, Gewalt, Drogenhandel und Korruption, von verschiedenen menschlichen Schicksalen, Abgründen, Schuld, Familie, Freundschaft, Dunkelheit und Angst. Und vor allen Dingen von Hoffnung. Immer wieder von Hoffnung.
„Mut und Hoffnung gedeihen nicht an einem Ort wie diesem. Longwai zermalmt sie zu Staub unter seinen Sohlen.“
Seite 311

 

Die Geschichte ist in drei verschiedene Perspektiven gegliedert, aus denen mehr oder weniger abwechselnd erzählt wird und die in der Ich-Form verfasst sind, sodass man den Schrecken stets hautnah mit erlebt. Direkt zu Beginn wird man ins eiskalte Wasser geworfen und direkt in das Geschehen hinein katapultiert – und dieses Gefühl verliert man auch bis zum Ende nicht. Walled City ist rasant, zieht immer wieder mächtig im Tempo an, ohne dabei zu platt zu wirken. Ryan Graudin (übrigens weiblich) schafft es mit Bravur Action und nachdenkliche Szenen miteinander zu verbinden, sodass man  das Gefühl eines realen Szenarios nie völlig verliert. Walled City ist nichts für schwache Nerven – die Dinge werden zwar nicht bis ins kleinste Detail beschrieben, doch vielleicht ist das beinahe noch schlimmer. Schließlich ist das Schicksal von Mei Yee, die in einem Bordell wie ein Objekt gehalten wird, kein Einzelschicksal und Menschenhandel durchaus knallharte und aktuelle Realität.
„Jahre voller leerer Tüten und hohler Ecken. Monate voller Dunkelheit und Schwärze. Nächte voller zitternder Feuchtigkeit und toter Ratten, die über einem Lagerfeuer
braten. Tage voller Rennen und Stechen und Rennen und Stechen und Rennen.“
Seite 330 
Die Figuren sind allesamt sehr faszinierend – sie alle verfolgen ein bestimmtes Ziel, wobei Mei Yee bis zu einem bestimmten Punkt die passivste Figur ist, um die sich das Geschehen insgesamt dennoch dreht. Sie ist die Verbindung, die alles zusammen hält. Graudin schafft es hier einen Fokus zu legen und dennoch die Einzelschicksale nicht aus den Augen zu lassen, sodass neben der Befreiung von Mei Yee auch die Freundschaft zwischen Jin und Dai, die zarten Gefühle zwischen Mei Yee und Dai und die schwesterliche Verbindung zwischen Jin und Mei Yee nicht aus den Augen gelassen wird. Graudins Sprache ist dabei stets sehr metaphorisch und facettenreiche, wechselt von temporeich bis hin zu leise und langsam. Dadurch entsteht eine dichte und vor allen Dingen sehr düstere Atmosphäre, die den Leser immer mit dem Schlimmsten rechnen lässt. Rasender Herzschlag und schwitzende Hände sind bei dieser Lektüre eindeutig keine Seltenheit – doch genau das, sowie die charakterstarken Figuren und deren Entwicklungen, die kleinen Details wie die Straßenkatze Chma oder die Beschreibung der Walled City machen dieses Buch zu einem kleinen Meisterwerk.
Am Ende gibt es zudem Bilder der realen Walled City, sowie einige Erklärungen, die der Geschichte noch einmal einen besonderen Beigeschmack geben, den man lange Zeit nicht los wird. Walled City ist definitiv keine leichte Lektüre, doch sie ist wichtig, macht nachdenklich und erinnert an ein Ghetto voller Grausamkeiten – aber eben auch mit Hoffnung. Eine klare Leseempfehlung für alle, die düstere Geschichten voller Spannung und Tempo mögen!

Eure Wortmalereien (11)

  • kumosbuchwolke

    2. März 2016 at 19:58

    Hallo Marie ich tu mich ja auch schwer mit solchen realitätsnahen Geschichten, deine Rezension macht mich neugierig. Manchmal packt mich der Mut und dann greife ich gerne zu diesem Buch. Ob es das auch als Hörbuch gibt? Das werde ich gleich prüfen. Dann kann ich es während der Arbeit hören.Liebe Grüße Cindy

  • Hanna

    10. Februar 2016 at 19:59

    Hallöchen Marie,ich habe "Walled City" auch schon gelesen und fand es richtig klasse. Für mich las sich das Buch beinahe wie eine Dystopie, weshalb es mich umso mehr erstaunt hat, dass es diese ummauerte Stadt tatsächlich einmal gegeben hat. Es muss definitiv ganz viele Leser finden. ♥♥♥Liebe Grüße, Hanna

    1. Marie

      11. Februar 2016 at 22:28

      Hallo liebste Hanna,jaa, hab ich gesehen 🙂 Stimmt, ich hatte zwischenzeitlich auch das Gefühl einer Dystopie und mir ging es am Ende dann wie dir!Alles Liebe,Marie

  • Nellys Leseecke

    10. Februar 2016 at 16:21

    Hach Marie, ich bin wieder mal total in Love mit deiner Rezension, obwohl das Buch so gar nicht in mein Beuteschema passt. Du hast da echt ein Händchen für! Großes, großes Lob!!!Alles Liebe, Nelly

    1. Marie

      11. Februar 2016 at 22:28

      Danke liebe Nelly, das hat mich wirklich zum Lächeln gebracht. Dankedankedanke:)Alles Liebe,Marie

  • Nathalie L

    10. Februar 2016 at 10:57

    Tolle Rezension. Ich werde mir demnächst das Buch bestellen und lesen, da die Geschichte sich echt interessant anhört. Ich muss ehrlich sagen, dass der Cover mich einbisschen an Hunger Games erinnert – ich weiß auch nicht warum :DLiebe Grüße Nathalie <3http://passionineverything.blogspot.co.at

    1. Marie

      11. Februar 2016 at 22:26

      Hallo liebe Nathalie,danke, das freut mich 🙂 Es ist wirklich genial und ich hoffe, es gefällt dir ebenso sehr wie mir.Stimmt, das Cover erinnert wirklich an Hunger Games :DAlles Liebe,Marie

  • Eli Iii

    10. Februar 2016 at 10:05

    Ich bin überrascht – bei der (wohlgemerkt hübschen) Aufmachung hätte ich eine ganz andere Art von Geschichte erwartet! Hört sich interessant an, ich bin mir nur nicht sicher, ob ich für die Grausamkeiten "bereit" wär. Aber ich merk es mir vor, wenn mir mal nach so eine Geschichte ist;)Liebe GrüßeEli

    1. Marie

      11. Februar 2016 at 22:25

      Hallo liebe Eli,da bin ich neugierig: was für eine Geschichte hattest du denn erwartet?Ja, du solltest es wirklich vormerken – es ist etwas Besonderes :)Alles Liebe,Marie

    2. Eli Iii

      12. Februar 2016 at 18:09

      Also wegen dem Drachen dachte ich schon an eine Geschichte aus dem asiatischen Raum, aber eben auch irgendwas mit Fantasy-Elementen, wie…Drachen;D Ich hab´s mir bei LB gleich auf die Merkliste gepackt, damit ich es nicht vergessen:)

    3. Marie

      14. Februar 2016 at 11:30

      Stimmt, das hätte auch gut gepasst. Den Begriff Drachen gibt es immerhin im Buch, aber in einem anderen Kontext 😀 Alles Liebe <3

Schreibe deine Wortmalerei

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Letzte Wortmalerei

Blogtour | Die Wandlerin - Das Lexikon der Fabelwesen

4. Februar 2016

Nächste Wortmalerei

Rezension | Zorn und Morgenröte von Renée Ahdieh

12. Februar 2016