|Rezension| „Silber: Das erste Buch der Träume“ von Kerstin Gier

3. September 2013Marie

 
Der Hund schnüffelte an meinem Koffer.
Die fünfzehnjährige Liv Silber war noch nie wirklich
irgendwo zu Hause. Ihre Mutter ist Professorin und nimmt beinahe jedes Jahr
einen neuen Lehrauftrag in einem anderen Land an, sodass Liv und ihre Schwester
Mia ständig irgendwo neu sind. Als die Familie schließlich nach London zu dem
neuen Freund der Mutter zieht, ändert sich schlagartig alles. In Livs Träumen
taucht plötzlich überall eine grüne Tür mit einem Eidechsenknauf auf und die vier
blonden Jungs aus ihrer neuen Schule kommen viel zu oft darin vor. Noch dazu
wissen sie Dinge, die Liv nur im Traum zu ihnen gesagt hat. Rätselverliebt und
neugierig wie sie aber nun einmal eben ist, versucht Liv herauszufinden, was
hinter all den Geheimnissen steckt und lernt dabei nicht nur eine völlig neue
Welt kennen, sondern deckt noch dazu einige Fragen auf, die lieber ungeklärt
geblieben wären…
Kerstin Gier hat einen
Schreibstil, der „nur aus rosa Zuckerwatte besteht“ (S. 191), so fluffig,
leicht und süß, dass man so manches Mal fast Zahnschmerzen bekommen könnte.
Denn so unterhaltsam er auch sein mag, insgesamt ist er doch ganz schön platt
und oberflächlich – natürlich absolut logisch und verständlich bei einem Jugendbuch,
das aus der Sicht einer fünfzehnjährigen geschrieben ist. Dennoch fehlte mir
oft ein wenig mehr Tiefe, wenn auch die Geschichte an sich sehr detailverliebt
und liebevoll beschrieben wurde und eine konstant dichte Atmosphäre aufrecht
erhält. Das Buch liest sich weg, wie Zuckerwatte sich essen lässt: Schnell und
auf der Zunge zergehend! Hier und da noch ein wenig bitterzarte Schokolade und
Vanillekipferl für den Kitsch, ist die Geschichte leicht lesbar und
unterhaltsam. 
Auf ein neues Jugendbuch von Kerstin Gier hat die
Fangemeinde wohl schon lange gewartet, denn so
wie sich, direkt nach Erscheinen
des Buches, jeder
auf „Silber: Das erste Buch der Träume“
gestürzt hat, verging
mir erst einmal die Lust darauf.
Gut gehyped bedeutet
Livs Traumtür

ja bekanntlich nicht
immer gut gelesen, weswegen das Buch noch eine Weile in meinem Regal Staub
ansetzen musste – völlig zu Unrecht natürlich -, denn mit dem Buch um Liv
Silber und ihre Träume zeigt Gier einmal mehr, dass sie unterhaltsame
Jugendbücher mit Fantasyelementen schreiben kann, die zugegebenermaßen nicht
immer auf der literarischen Höhe sind (das wollen sie ja auch nicht sein!), aber
dennoch immer den Nerv der Zeit treffen und zwischendurch auch ganz schön
gruselig werden können.

Bevor ich erzähle, dass Liv Silber die typische, aber
sympathische Gier-Protagonistin ist, die gerne mal als graue Maus bezeichnen
wird, aber insgeheim natürlich die wunderschöne Blondine ist, eine kurze Frage:
Warum werden die Jugendbuch-Protagonistinnen immer jünger? Ich hätte erwartet,
dass Liv siebzehn ist, aber nix da: Frische Fünfzehn ist sie und noch dazu
natürlich intelligent und liebenswert, dabei noch eine große Schaufel Humor.
Der Klischees bedient sich Gier wie eh und je und die Anlehnung an das
amerikanische (bzw. britische) Teenieleben merkt man der Geschichte auch
ziemlich oft an, was ich eigentlich ziemlich schade finde. Auch in Deutschland
hätte man eine schöne Traumgeschichte auf die Beine stellen können, gerade auch
weil Frau Gier ja aus Deutschland kommt, aber gut, mit London habe ich
natürlich keine Probleme.

Die Figuren sind durchweg sympathisch, wenn auch in „gieriger“
Manier zuckerwattig und
vorhersehbar. Durch die Detailverliebtheit gibt es
allerdings so einiges zu entdecken und das ist eines der Dinge, die ich an „Silber“
so mochte: Man geht gemeinsam mit Liv
auf Rätseltour. Man darf selber knobeln und überlegen und wird nicht prompt und
ungalant auf Hinweise geschubst – die baut Frau Gier selber gerne und beiläufig
ein, was einfach Spaß macht und die Geschichte konstant spannend hält. Dafür
sorgt übrigens auch der clever gestaltete Tittle-Tattle-Blog, dessen Einträge
immer mal wieder zwischen den Kapiteln zu finden sind und Klatsch und Tratsch
über die Schule weitergeben. So streut die Autorin öfters mal Geschichten und
verdächtige Zusatzinformationen aus, die man einfach so aufsaugen kann. Besonders
ist auch, dass ebendieser Blog tatsächlich im Internet zu finden ist und so
natürlich eine gewisse Glaubwürdigkeit aufrecht erhält.

Besonders gefallen hat mir auch die bisher relativ
vergessene Thematik: Träume. Und zwar nicht mit Nachtmahren oder anderen
Fabelwesen (bisher zumindest), sondern schlicht und einfach Träume.
Vielleicht ist
es diese

simple Idee, die „Silber“ derart ungezwungen macht, denn man hat
selten das Gefühl, dass einem irgendwelche sinnlosen Informationen um die Ohren
geknallt werden. Alles scheint schlüssig und gerade die Traumwelt, die Gier
geschaffen hat, hat mich enorm fasziniert. Die Idee mit dem Korridor und den
Türen ist im wahrsten Sinne des Wortes phantastisch und scheint noch viel mehr
zu bergen, als man im ersten Teil erahnen kann – ich bin enorm gespannt, was
dieses bisher unbekannte Etwas ist, das sein Unwesen in dem Korridor treibt.

Neben all diesen Dingen bekommt man aber auch viel Altbekanntes.
Die Liebesgeschichte, der Ball und einige kitschige Szenen sind tatsächlich
vorhersehbar und vorprogrammiert, sodass man oft dramatisch aufseufzen  muss. Manchmal ist diese Extraportion „Das
kennt man schon“ aber auch ganz angenehm und so schafft es „Silber“ da doch
relativ human zu bleiben, auch wenn Gier einige Szenen und Momente und im Grunde auch ihre komplette Stoy selbst fast
schon perfekt beschreibt: „Aber vielleicht […] war [es] gar nicht der übliche Highschool-Mist mit der intriganten blonden Cheerleaderin, dem charmanten, aber oberflächlichen Footballkapitän und der armen, wunderschönen Außenseiterin mit dem goldenen Herzen“ (S. 16) – doch das ist es („Mist“ ist da natürlich übertrieben!) und das ist nicht einmal böse gemeint – es ist einfach ihr Stil und den muss
man mögen. Ich tu’s, auch wenn ich oft lächelnd die Augen verdreht habe.

„Wer in einem
silbernen Bett schläft, hat goldene Träume“ – ob Liv Silbers Bett silbern ist,
weiß ich nicht (ihr Nachname ist es auf jeden Fall), aber ihre Träume sind
tatsächlich golden. Und nicht nur die, auch „Silber: Das erste Buch der Träume“
ist ein kleiner Goldschatz, in dem man kiloweise Zuckerwatte, eimerweise Humor
und eine Menge Spannung und Detailverliebtheit finden kann. Nette Unterhaltung,
die sich mit dem Thema Träume beschäftigt und dabei auf diese zuckersüße Art
und Weise phantastische Elemente mit Realität und den typischen Teenieproblemen
vereint. Der (fast) perfekte Schmöker zum Träumen, der meistens ein wahrer Pageturner, zwischenzeitlich extrem kitschiges
Geplänkel und insgesamt ein toller Auftakt zu einer interessanten Trilogie ist.
Mehr davon!

Kerstin Gier wurde 1966 in der Nähe von Bergisch Gladbach geboren.
Bereits als Kind wollte sie Schriftstellerin werden. Sie studierte
Germanistik, Musikwissenschaften und Anglistik, wechselte dann
allerdings zu den Fächern Betriebspädagogik und
Kommunikationspychologie, worin sie auch ihren Abschluss machte. Nach
dem Studium arbeitete sie unter anderem als Sekretärin und gab Kurse am
Familienbildungswerk.

1995 begann sie schließlich mit dem Schreiben und veröffentlichte 1996
ihren Debütroman „Männer und andere Katastrophen“. Er wurde später mit
Heike Makatsch in der Hauptrolle verfilmt. Es folgten zahlreiche weitere
(Frauen-)Romane, aber auch Fantasy- und Jungendbücher. Besonders
bekannt ist die Edelstein-Trilogie Rubinrot, Saphirblau und Smaragdgrün.
Auch die „Mütter-Mafia“ war ein großer Erfolg bei den Leserinnen.
Kerstin Gier veröffentlichte ebenfalls Werke unter den Pseudonymen
Sophie Bérard und Jule Brand. [via Lovelybooks]

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Eure Wortmalereien (5)

  • Anonymous

    4. Mai 2015 at 17:14

    Suuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuper Buch!!!!!!!

  • Anonymous

    11. März 2015 at 20:30

    DAS BUCH ist so faszinierend das ich es gar nicht mehr aus der Hand bekommen habe, als ich anfing zu lesen. Ich habe auch die Edelstein Triolo. gelesen ich finde silber sogar fast besser als sie. Kurz gesagt: "Ich liebe es!"<333

  • Chrissi

    27. Februar 2015 at 22:56

    Hallo, habe deine Rezension mit Interesse gelesen, da es einer der Wenigen ist, die nicht himmelhochjubelnd alles toll findet, sondern tatsächlich kritische an die Sache rangehen.Ich halte ein Referat über dieses Buch. und muss hierzu auch ein "Handout" erstellen.Deine verwendete Schrift beim Zitat S.356 finde ich super, wollte ich auch gerne verwendet. Kannst du mir sagen um welche Schrift es sich handelt?Hätte ja eigentlich deines verwenden können, mit der schönen Zierde, doch leider fehlt deinem Zitat ein Wort und das kann ich jetzt in der Schule nicht bringen. Vielleicht setzt du das Wort einfach noch ein. …es fehlt das Wort "mehr"…. wo kann man mehr über seine…..

  • Lotta Lunatic

    4. September 2013 at 10:29

    Eine wundervolle Rezension !
    😀
    Deine Rezensionen sind immer so liebevoll gestaltet, ich bin ganz und gar verliebt darin !! 😀

    Toll, dass auch dir das Buch gefallen hat 😀

    LIebst, Lotta

  • Damaris

    3. September 2013 at 13:22

    Supi! Es hat dir gefallen. Im Nachhinein wäre ich vielleicht auch etwas kritischer, aber beim Lesen hatte ich einfach so viel Spaß, dass ich teils aus dem Lachen gar nicht mehr herauskam (zB auch Gruselszenen, wie auf dem Friedhof, waren sooo witzig!). Ein tolles Schmökerbuch. "Besser" ist sicher aber die Edelstein-Trilo. Aber das ist ja sehr subjektiv 🙂
    Drück!
    Damaris

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