|Rezension| „My Book of Life by Angel“ von Martine Leavitt

16. Juni 2014Marie
| Thienemann | Hardcover | 256 Seiten | €14,99 | Amazon | BloggDeinBuch |

Als Serena auf einmal weg war,
suchte ich überall, wo sie sich sonst herumtrieb
und sie war nirgendwo,
nirgendwo, wie so viele von den anderen Mädchen.

Als Angel auf Call trifft verändert sich ihr ganzes Leben. Bevor sie es wirklich merkt, macht Call sie drogenabhängig und schickt sie auf den Babystrich, um für ihn anschaffen zu gehen – schließlich weiß er, wo ihr kleiner Bruder Jeremy ist und wenn sie nicht gehorcht, könnte ihm etwas zustoßen. Als Call schließlich auch die kleine Melli aufgabelt, hält Angel es nicht mehr aus. Sie muss etwas tun, damit Melli nicht dasselbe Schicksal durchleiden muss, wie sie selbst. Mit einem riskanten Plan versucht Angel sich und Melli aus Calls Fängen zu befreien…
Dieses Buch ist eines der grausamsten, das ich je gelesen habe. Wenn nicht vielleicht sogar DAS Grausamste. Und das liegt nicht daran, dass das Buch schlecht ist, sondern vielmehr daran, dass die Thematik zu den grausamsten Dingen auf dieser Welt zählt, so grausam, dass ich während des Lesens oft den Gedanken hatte, nicht in so einer Welt leben zu wollen – ja, so grausam, dass sich in mir alles zusammengezogen hat. Worum es geht? Um Drogen, Prostitution, den Babystrich. Bevor ihr jetzt wegklickt, weil allein das schon grausam klingt, kann ich sagen, dass dieses Buch sehr besonders ist und zwar nicht nur, weil es ein Tabuthema anspricht, sondern auch, weil es ganz eigenwillig und tiefgründig ist. Weil es seine eigene Sprache hat und die Dinge gleichzeitig verschweigt und beim Namen nennt. Dieses Buch erzählt eine traurige, grausame und unglaubliche Geschichte, eine Geschichte, die den Leser am Menschen zweifeln lässt, aber gleichzeitig erzählt sie diese Geschichte so, dass vieles lediglich im Leserkopf stattfindet, denn die Umschreibungen sind teils verschwommen, teils mit einem einzigen Wort schon zu viel. Ein Widerspruch? Vielleicht. Auf jeden Fall hat mich dieses Buch wachgerüttelt und zum Nachdenken gebracht…
…weil es in all seiner Grausamkeit irgendwie auch etwas schönes hatte. Nichts, das man direkt sehen konnte – ganz im Gegenteil. Wer in dieser Geschichte etwas schönes finden möchte, muss aufmerksam lesen, sich in Protagonistin Angels Gedankenwelt einfühlen (was im Grunde unmöglich ist, wenn man nicht dasselbe erlebt hat, wie sie) und ihre Worte über sich herabrieseln lassen. Auch wenn sich die ersten zwanzig Seiten merkwürdig lesen, denn das Buch ist in einer Art Gedichtform geschrieben, und der Stil schon ziemlich gewöhnungsbedürftig ist, sollte man versuchen, sich darauf einzulassen. Es steckt sehr viel Tiefe in den Worten, die mich zeitweise sehr berühren konnten und mich noch immer nicht ganz losgelassen haben. So primitiv und platt die Worte auf den ersten Blick vielleicht wirken könnten, so wenig sind sie es, denn es steckt so viel Hoffnung, Licht und Dunkel, Trauer und Gewalt in ihnen, dass ich teilweise mit jedem einzelnen von ihnen kämpfen musste, um das Buch heil zu überstehen.
Man kann nicht viel über dieses Buch sagen. Ich finde sogar, man sollte alles selbst herausfinden, sich selbst hineinfühlen, ohne es vorher in irgendeiner Rezension gelesen zu haben. Es hat keinen geschickt angelegten Plot, es erzählt einfach aus einem Milieu, aus dem Leben, wie es auch laufen kann und das reicht aus – mehr braucht es nicht, um mitzufühlen. Protagonistin Angel ist sicherlich keine einfache Protagonistin – wie könnte sie auch, ist doch das ganze Buch nicht einfach -, aber sie ist gerade dadurch schon symapthisch, da man mit ihr mitfühlt. Man baut etwas zu ihr auf, ohne wirklich zu wissen, was das ist und man möchte am liebsten all das Grausame, was ihr geschieht, vonihr abwenden. Man wird auf Figuren treffen, die man verabscheungswürdig halten wird, man wird Figuren treffen, die mehr sind, als das, was sie tun und auf Figuren, die man am liebsten umbringen würde. Der Umgang mit der ganzen Thematik ist ohnehin sehr hart und schonungslos, wenn auch auf einer ganz besonderen Ebene, die versucht Licht in eine grausame Welt zu bringen.
Das mag jetzt alles sehr verworren und schwierig klingen, vielleicht nicht nach einem Buch, das man unbedingt lesen möchte, aber ich kann nur sagen, dass man es versuchen sollte. „My Book of Life by Angel“ ist definitiv keine leichte Kost – ganz im Gegenteil sogar. Dieses Buch ist schrecklich, es wird euch den Atem nehmen, Hass spüren lassen und einen so großen Unglauben, dass man das Buch am liebsten an die Wand klatschen würde. Aber es fordert auch den Kopf, indem es nicht alles ausspricht, aber doch gerade so viel, dass man sich das Schlimme vorstellen kann und gleichzeitig regt es zum Nachdenken an. Außerdem basiert die Geschichte auf der Realität, wenn auch die Figuren fiktiv sind und gerade die letzten Seiten mit der Anmerkung des Autoren hat mich doch ziemlich sprachlos und aufgewühlt zurückgelassen. „My Book of Life by Angel“ ist ein Buch, dass mich wohl nie wieder loslassen wird und das anders ist, aber gerade deswegen so viel geben kann.

Wenn es ein Buch auf dieser Welt gibt, dass mich an der Menschheit hat zweifeln lassen, dann ist es dieses hier. „My Book of Life by Angel“ ist schonungslos, hart, grausam, aber gleichzeitig auch sprachgewaltig, anders und besonders. Es ist kein Unterhaltungsroman – ganz im Gegenteil. Es ist sicherlich kein Genuss dieses Buch zu lesen, denn die wenigen Dinge, die wirklich ausgesprochen werden, sind schlimm genug, wenn man bedenkt, dass die Phantasie noch einiges dazudenken wird, was noch tausend Mal schlimmer ist. Die Geschichte ist in einer Art Versform geschrieben und erzählt aus der Perspektive der sechzehnjährigen Angel das Leben, wie es auch laufen kann. Ein Leben mit Drogenmissbrauch, Babystrich, Gewalt und vielleicht sogar ohne Engel. „My Book of Life by Angel“ hat mich aufgewühlt und ruhelos zurückgelassen und obwohl es kein Buch ist, dass man lesen möchte, so ist es doch auf jeden Fall eines, das man lesen sollte.
Die Autorin Martine Leavitt, 1953 in Taber, Kanada geboren. Sie
studierte an der University of Calgary. Heute lebt Sie in High River und
ist Mutter von sieben Kindern. Ihre Kinderbücher wurden vielfach
ausgezeichnet, u.a. mit dem Benjamin Franklin Award, dem Mr. Christie
Award sowie dem Preis der American Library Association. Keturah,
Gefährtin des Todes ist ihr erstes Buch bei Hanser. Außerdem hat sie „My Book of Life by Angel“ im Thienemann Verlag veröffentlicht. [via Hanser]
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Eure Wortmalereien (10)

  • Damaris Anna

    18. Juni 2014 at 7:44

    Du bist jetzt schon die zweite begeisterte Leserin von "My Book of Life by Angel" und ich habe es gestern gleich mal auf meine Wunschliste gesetzt. Wie Friedelchen finde ich solche Bücher immer sehr aufwühlend und kräftezehrend, aber sie geben einem auf viel. Danke dir!
    Ein Buch, das auch in diesem Gedichtstil geschrieben ist, ist "In Liebe, Brooklyn". Gefiel mir auch sehr und bleibt im Regal.
    LG,
    Damaris

  • Friedelchen

    17. Juni 2014 at 12:13

    Ich finde Bücher mit solcher Thematik immer sehr kräftezehrend, aber auch lehrreich und wichtig. Und wie auch bei dir kommt dann bei mir der Wunsch auf, nie in einer solchen Welt zu landen.
    Das Buch hat auch gleich meine Aufmerksamkeit geweckt, aber für diese Thematik muss ich echt in der richtigen Stimmung sein. So ging es mir z.B. auch bei "Und in mir der unbesiegbare Sommer" oder auch bei "Die toten Frauen von Juarez" – danach braucht man erstmal wieder Wohlfühlliteratur.

  • Marquess Bramble

    16. Juni 2014 at 16:23

    Das einzige Buch, das ich je gelesen habe und stilistisch Ähnlichkeiten damit hat ist "Chasing Brooklyn". Ich bin richtig froh, das Buch auf deinem Blog entdeckt zu haben, ansonsten wäre es nie auf meine Wunschliste gewandert. Beim nächsten Einkauf ist es dabei! "Das Mädchen mit dem Haifischherz" fand ich auch ziemlich krass, aber gut. Vielleicht gefällt dir das ebenfalls, auch wenn die Sprache sehr…unbeschönigt ist, was bei der Leserunde, an der ich teilgenommen habe, nicht allen gefiel.

    Liebe Grüße,
    Bramble

    1. Paperdreams

      16. Juni 2014 at 18:34

      Chasing Brooklyn habe ich auch gelesen, die Art ist wirklich vergleichbar, der Stil ist in dem Buch hier aber viel prägnanter und unbeschönigter.

      "Das Mädchen mit dem Haifischherz" habe ich schon hier stehen und bin sehr gespannt drauf, gerade, weil ich auch schon viele negative Stimmen gehört habe. Bin sehr gespannt, wie dir "My Book of Life by Angel" gefallen wird <3

      Liebe Grüße,
      Marie

  • Deniz

    16. Juni 2014 at 13:14

    Wow, die Rezension spricht für sich. Buch ist nun auf meiner Musthave-Liste, besonders weil ich Bücher in dem Stil immer liebe.

    1. Paperdreams

      16. Juni 2014 at 18:33

      Dankee <3 🙂 Ich bin gespannt,wie es dir gefällt, wenn du es liest!

  • Kücki K.

    16. Juni 2014 at 12:32

    huhu 🙂
    Wow, ich kann Anja nur zustimmen. Deine Rezension ist einfach nur hammermäßig!
    Ich könnte mir nicht vorstellen, wie ich so ein Buch in Worte fassen solte, ohne es zu verfälschen, zu dramatisiere oder es schlecht zu mache.
    du hast es geschafft, in deiner Rezensiongenau zu beschreiben, was für ein wunderschönes und grausames Buch du da gelesen hast.
    und du hast es auch irgendwie geschafft, das ich jetzt Angst vor dem Buch habe, es gleichzeitig aber auch gerne lesen würde.
    Alleine der Schreibstil spricht mich sehr an, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich soetwas lesen möchte.

    Liebe Grüße
    Kücki ♥

    1. Paperdreams

      16. Juni 2014 at 18:33

      Daaaanke 🙂 Freut mich total, dass euch die Rezi so gut gefällt!
      Ich fand es auch sehr schwer, das Buch in Worte zu fassen, weil man die Besonderheit einfach kaum zusammenfassen kann.
      Ich kann das Buch nur empfehlen, auch wenn oder vllt gerade wenn man Angst davor hat – es ist ein wichtiges Thema!

      Liebe Grüße,
      Marie

  • Anja Druckbuchstaben

    16. Juni 2014 at 11:06

    Wow,
    was für eine hammermäßige Rezension zu einem wohl sehr ungewöhnlichen Buch. Ich hatte das Buch bei Blogg dein Buch gesehen und überlegt, ob das was für mich wäre.
    Ich kann mir vorstellen, dass es sicherlich nicht einfach wird, aber aus deiner Rezi lässt sich schließen, dass sich die "Strapazen" lohnen werden. Das Buch wandert auf meine Wunschliste.

    LG
    Anja

    1. Paperdreams

      16. Juni 2014 at 11:11

      Danke dir 🙂 Es ist wirklich ein ungewöhnliches Buch und es wird einen nicht kaltlassen, aber es lohnt sich, weil es einen so mitnimmt und etwas in einem bewegen kann! Ich hoffe, du wirst auch so viele Gefühle durchmachen wie ich und das Buch als besonders wahrnehmen 🙂

      Liebe Grüße,
      Marie

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