|Rezension| „Grave Mercy: Die Novizin des Todes“ von Robin L. LaFevers

2. September 2013Marie
Ich habe eine dunkelrote Narbe, die sich von meiner linken Schulter zu meiner rechten Hüfte zieht.
Als die junge Ismae Rienne von ihrem eigenen Vater
zwangsverheiratet wird, nachdem sie jahrelang mit dem Hass und der Angst ihrer Mitmenschen
leben musste, da sie eine Tochter Mortains ist – der Gott des Todes -, kann sie
ihre Qualen nicht mehr ertragen. In einer Nacht und Nebel Aktion wird sie in
das Kloster von St. Mortain gebracht, wo sie zur Meuchelmörderin ausgebildet
wird und Mortains Werk verrichten soll. Bevor sie ihr Gelübde ablegen darf,
muss sie drei Aufträge erfüllen, die ihr Pflichtbewusstsein des Klosters
gegenüber zeigen sollen. Einer dieser Aufträge führt sie schließlich an den
bretonischen Hof, an dem die junge Herzogin Anne zur Königin gekrönt werden und
einen passenden Ehemann bekommen soll. In einem Netz aus Intrigen, Geheimnissen
und Verrat muss Ismae herausfinden, welche Rolle sie spielen will – die Tochter
der Rache oder die Tochter der Gnade, denn schließlich ist da noch Duval, Annes
Halbbruder, der in den engen Kreis der Verdächtigen gestoßen wird. Doch Duval
ist mehr als Ismae sich eingestehen will…
Normalerweise birgt ein schnörkelloser Schreibstil einige
Gefahren, denn obwohl man prinzipiell nicht viel damit falsch machen kann, kann
ein solcher schnell langweilig und platt wirken. Die ersten Seiten über war ich
irritiert: Kurze, abgehackt wirkende Sätze. Beschreibungen ohne ausschweifende
Details. Eine völlig unblumige Sprache. Unpassend? Keinesfalls, denn erst im
Laufe der Geschichte wird klar, dass dieser Schreibstil ideal zur Protagonistin
passt, die zu Beginn des Buches sehr kühl und eben schnörkellos wird. Nach
einigen Seiten wird jedoch schnell klar, dass eine starke Entwicklung
stattfindet, die sich ebenfalls im Schreibstil wiederspiegelt (ob das nun
Einbildung ist oder tatsächlich gewollt lasse ich mal so stehen). Weiterhin
wäre eine blumige Sprache wohl etwas zu viel des Guten gewesen, spielt die
Geschichte doch im Mittelalter, wo das schwülstige Gerede eigentlich schon
blumig genug ist. Kitschige Beschreibungen hätten wohl  viel von der Atmosphäre eingebüßt, so wird
einem jedoch eine atmosphärisch dichte und spannende Geschichte präsentiert.
Der Gott des Todes hat Töchter, die in einer Klosterschule
zu Auftragsmörderinnen ausgebildet
werden und in seinem Namen Aufträge
erfüllen. Klingt komisch?

Ist aber so. Und noch dazu origineller, als es sich
anhören mag. Dazu ein mittelalterliches Setting in der Bretagne zur Zeit der
Erbfolgekriege und eine düstere, atmosphärisch dichte Story um eine Auftragsmörderin,
die erst noch zu ihrer wahren Berufung finden muss und sich plötzlich mitten im
bretonischen Hofadel wiederfindet. Ein historischer Roman verwebt mit sanften
Fantasyelementen, die den Leser in eine ganz besondere Welt mit realem
Hintergrund und romantischer Lovestory entführen. Holt euch eure Kuscheldecke,
einen Tee, hofft auf Regen und Sturm und verliert euch in diesem tollen
Schmöker – denn ganz ehrlich: Genau so sollte ein guter Roman sein.

Zugegebenermaßen sind historische Romane nicht das, was ich
sonst so lesen würde (zumal „Grave Mercy“ ja durchaus auch phantastische
Elemente beherbergt!) – nach diesem Buch aber könnte ich mir vorstellen, mal in
einen richtigen Roman mit historischem Setting reinzuschnuppern, denn Grave
Mercy hat mich von vorne bis hinten überzeugt. Und das obwohl die Geschichte
seitenlang sehr politisch ist, über Strategien und Intrigen berät. Doch gerade
dieser Handlungsstrang hat mich unheimlich interessiert und an den Seiten
kleben lassen, zumal es nicht so ist, dass die Geschichte nur so
dahinplätschern würde – viel mehr geschieht auf jeder Seite eine neue Wendung,
ein schlimmer Schicksalsschlag oder eine schlechte Nachricht, sodass man
durchweg fasziniert ist. Auch moralische Fragen und Problematiken werden
(indirekt) angesprochen, sodass das Buch definitiv auch zur Tiefgründigkeit
neigt – jedoch auf eine unaufdringliche und unterschwellige Art und Weise.
Doch es geht nicht nur inhaltlich rund – auch die
Charaktere wissen zu überraschen und machen so einige Entwicklungen durch, die
sie dem Leser und sich selbst näher bringen. Allen voran Protagonistin Ismae,
die nach und nach nicht nur ihr eigenes Handeln, sondern auch das des Klosters
immer mehr in Frage stellt und immer mehr Steine aus ihrer Schutzmauer
herauszieht. So bleibt sie stetig interessant, greifbar und dreidimensional.
Hinzu kommt ihre sympathisch und liebenswerte Art, ihre nachvollziehbaren
Gedanken und dieses klischeefreie Verhalten, was mich unheimlich erfrischen
konnte. Neben Ismae glänzt natürlich auch Duval, ihr männlicher Gegenpart, der
mit seiner herben und dunklen Ausstrahlung sicherlich jede(n) in seinen Bann zu
ziehen vermag und auch insgesamt ein tiefgründiger und interessanter Charakter
ist. Hinzu kommen die obligatorischen Lieb-Habe-Figuren, die einem vom ersten
Moment an sympathisch sind und das auch bis zum Ende bleiben – in
diesem Fall

beispielsweise Louyse, Anne und die Bestie de Waroch (Was ist jetzt eigentlich mit dem?).

Leise, sanft und überraschend entwickelt sich auch die
Liebesgeschichte, die zwar durchaus vorhanden und auch sehr romantisch und
einfühlsam ist, insgesamt aber eine vergleichbar kleine Rolle einnimmt.
Angenehm und nicht aufdringlich bekommt man so immer mal wieder kleine „Liebeshäppchen“
hingeworfen, die für eine vielschichtige Handlung sorgen. Durch die vielen
Überraschungen und Wendungen wird die Spannungskurve konstant aufrecht
erhalten, folgt aber insgesamt doch einer ruhigen Atmosphäre, sodass man
zwischendurch erst einmal alles ein wenig sacken lassen kann. Besonders die
liebevoll ausgearbeiteten Details haben es mir angetan. Es sind diese Kleinigkeiten,
wie Informationen über die verschiedenen Gifte, geschichtliche Hintergründe,
aber auch Informationen über die verschiedenen Figuren, so unwichtig sie auch
erscheinen mögen, die die Geschichte derart greifbar und glaubwürdig machen
konnten. Die mittelalterliche Stimmung wird nie unterbrochen, spiegelt sich in
der Mann/Frau Beziehung, in der Art zu reden und generell in dem Verhalten der
Menschen wieder.
Manchmal sollte man Bücher lesen, die zu einem Genre
gehören, was man sonst nicht unbedingt anfassen würde, denn nur allzu oft wird man
von einer tollen Geschichte überrascht. Gemeinsam mit der „Novizin des Todes“
wird der Leser in ein mittelalterliches Setting entführt, das vor Dunkelheit
und Geheimnissen nur so wimmelt und noch dazu von einer Auftragsmörderin
erzählt wird, die sympathischer nicht sein könnte. Liebevoll ausgearbeitete
Details geben der Geschichte die notwendige Glaubwürdigkeit und der Tod wird zu
einer Persönlichkeit, die geheimnisvoller und mysteriöser nicht sein könnte.
Spannend, historisch, politisch UND romantisch – eine rasante und „schmökerige“
Mischung, in der man nur allzu gut verschwinden kann. Einige offenen Fragen
bleiben obwohl das Buch prinzipiell in sich geschlossen ist, aber ich bin mir
relativ sicher, dass diese im Folgeband geklärt werden. Absolut lesenswert!

Robin LaFevers wuchs auf mit Märchen, Bulfinchs Mythologie und der
Dichtung des 19. Jahrhunderts. Kein Wunder, dass aus ihr eine
hoffnungslose Romantikerin wurde. Sie hatte das Glück ihre große Liebe
zu finden und lebt heute mit ihrem Mann in Südkalifornien. [via RandomHouse]

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Eure Wortmalereien (9)

  • Favola

    2. September 2013 at 12:49

    Hoi Marie

    Mir hat "Grave Mercy" auch sehr gut gefallen. Es gab eine Zeit, da habe ich wirklich sehr viele historische Romane gelesen, das ist aber schon länger her. Und so war es schön, mal weider in ein alt bekanntes Genre einzutauchen.
    Viel Spass mit "Dark Triumph".

    lg Favola

  • Friedelchen

    2. September 2013 at 11:38

    Na das klingt doch richtig gut, wieso habe ich es eigentlich noch nicht gelesen, obwohl es doch schon im Regal steht?
    Danke dass du es mir nochmal in Erinnerung gerufen hast 🙂

    1. Paperdreams

      2. September 2013 at 11:40

      Das frage ich mich auch! 😛 Musst du unbedingt lesen, ich fands gaaanz toll. Man muss natürlich in der Stimmung für das Genre sein, aber ich hab sowas mal wieder gebraucht 😀

  • Momo

    2. September 2013 at 11:12

    Eine schöne Rezension. Jetzt bin ich doch recht neugierig auf das Buch. Ich mag eigentlich Geschichten, die im Mittelalter oder einer ähnlichen Zeit angesiedelt sind recht gerne. Und die Story klingt echt interessant. Das kommt auf meine Wunschliste 🙂
    LG

    1. Paperdreams

      2. September 2013 at 11:33

      Danke 🙂 Schau's dir auf jeden Fall mal an, gerade wenn du die Zeit magst, ist es ganz bestimmt etwas für dich!!

      Liebste Grüße
      Marie

  • Deniz

    2. September 2013 at 9:51

    Wow, du hast mich echt neugierig gemacht! 😀 Ich habe es gleich auf meine WL gepackt! 🙂 Historisches ist eigentlich auch nicht so meins, aber ein Versuch ist es wert. 🙂

    1. Paperdreams

      2. September 2013 at 10:09

      Yay, das freut mich 🙂 Ich weiß nicht, ob dir Bücher wie "Die Beschenkte" gefallen, aber das geht so etwa in dieselbe Richtung – nur etwas mehr historischer eben. Und man kann sich so schön fallen lassen 🙂

    2. Deniz

      2. September 2013 at 11:45

      "Die Beschenkte" gefiel mir, dann habe ich Hoffnung! :'D

    3. Paperdreams

      2. September 2013 at 11:50

      Wooop, dann mal auf 😀

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