|Rezension| „Dünn“ von Do van Ranst

23. Mai 2014Marie
| „Dünn“ | Do van Ranst | Hardcover | 192 Seiten | 12,99€ | Carlsen | Amazon |
In der Zeitung von gestern war ein Foto von meinem Vater, der sich etwas zu essen in den Mund steckte.

Die sechzehnjährige Fee ist abgehauen. Abgehauen von ihrem Vater, der Schauspieler ist und seine Frau mit seinem Schlankheitswahn in den Tod getrieben hat. Abgehauen von seiner neuen Frau, die dürr ist, wie ein Strich. Abgehauen von ihrer besten Freundin, die sich von ihr zu entfernen scheint. Alleine irrt sie durch die Stadt und isst alles, was sie finden kann, um ihrem Vater eins auszuwischen. Dabei lernt sie nicht nur einige Menschen kennen, sondern muss auch eine große Lektion über sich selbst lernen, die sie am allerliebsten verdrängen würde…
„Dünn“ ist ganz schön dürres Ding – im Bezug auf die erstaunlich kurze Seitenzahl natürlich. Aber auch im Zusammenhang mit der Tatsache, dass Do van Ranst es schafft, auf knapp zweihundert Seiten eine ganz eigensinnige Welt voller ganz eigensinniger Figuren und einer skurril-melancholischen Atmosphäre zu erschaffen, die einen nicht loslässt. „Dünn“ ist anders, ganz anders. Nicht nur anders, als man denkt, sondern auch anders als andere Bücher, weil es etwas ganz wirres und derbes hat. Es beschönigt nichts, es ist extrem direkt und spricht Dinge aus, die man sonst nur denken könnte. Diese ungewöhnliche Mischung aus Skandal und Melancholie bewirkt einiges, denn man kann einfach nicht entscheiden, was man von dieser Geschichte halten soll – ist sie abschreckend, durcheinander oder in ihrer Skurrilität schön? Ist sie erschütternd, tiefgehend oder unglaublich traurig? Wer gerne Bücher liest, die anders sind und noch dazu von pikanten Thematiken erzählen, der sollte sich „Dünn“ auf jeden Fall einmal ansehen.
Dieses Buch beschäftigt sich, wie es der Name schon andeutungsweise verrät, mit Essen. Aber doch ganz anders, als man die ersten hundertfünfzig Seiten denkt. Es beschäftigt sich mit Magerwahn, Bulimie und einer zerstörten Familie. Mit einem Mädchen, dass nicht mehr weiß, wo es hingehört – einem sehr verzweifelten Mädchen. Dieses Buch erzählt von vielen kleinen Schicksalen, vielen kleinen Geschichten, die gekonnt in den Handlungsstrang eingewoben werden und dieses Buch ist ungewöhnlich. Man kann es wohl einfach nicht anders ausdrücken. Do van Ranst verwickelt den Leser in eine Geschichte voller Irrungen und Wirrungen, eine Geschichte, die berührt und gleichzeitig erschüttert, irgendwo abschreckend und eklig ist und dann wieder in seiner ganzen Abartigkeit irgendwie doch wieder eine Art Schönheit besitzt, die ich vor allen Dingen dem eindringlichen und leicht skurrilen Schreibstil zuschreibe.
Protagonistin Fee ist ein merkwürdiges Mädchen, dass man fast das ganze Buch lang nicht versteht, weil man kaum etwas von ihr weiß. Man übernimmt ihre Ansichten und Einstellungen komplett, verachtet die Menschen, die sie ebenfalls verachtet und gerät gemeinsam mit ihr von einer kuriosen und abgedrehten Situation in die nächste. Dabei bleibt Fee distanziert, kalt und unnahbar, aber all das hat seine Gründe, die ich an dieser Stelle aber nun wirklich nicht erklären kann – denn dann würde ich die gesamte Geschichte voraus nehmen. Ich glaube, an diese Geschichte muss man ganz unbedarft gehen, man sollte so wenig darüber wissen, wie möglich und sich einfach hineinfallen lassen, denn nur so kann man am Ende wirklich all das empfinden, was ich empfunden habe – obwohl auf der Innenseite des Schutzumschlags des Buches schon einiges verraten wird, daher sollte man den wohl eher nicht lesen.
„Dünn“ ist ein Buch, das so schwer fassbar ist, wie eine Katze (die gibt es in dem Buch übrigens auch!) und so skurril und erschütternd ist, dass man es kaum in Worte fassen kann. Es ist eine dieser Geschichten, die man mit zusammengezogenen Augenbrauen liest, weil man nicht weiß, wohin sie führt und bei der man am Ende mit verknotetem Magen und Herzen den Buchdeckel schließt. Eine ungewöhnliche und unbeschönigende Geschichte, die beinahe bis zum Ende nicht fassbar ist und schließlich einen ganz anderen Blickwinkel offenbart. Definitiv eine kleine Kuriosität unter den Geschichten und ebenso definitiv sehr lesenswert!
Do van Ranst, geboren 1974 im belgischen Dendermonde, schreibt Kinder- und Jugendbücher und arbeitet als Visual Merchandiser bei einem bekannten Modelabel. Für seine Bücher hat er schon viele Preise bekommen, unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis für „Wir retten Leben, sagt mein Vater“. Van Ranst macht außerdem Musik und ist aktiv beteiligt an einer Kindertheatergruppe in seinem Wohnort Hamme, für die er mehrere Stücke schrieb. Er hat zwei Söhne, einen Hund und eine Katze. [via Carlsen]
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Eure Wortmalereien (6)

  • Anonymous

    27. Mai 2014 at 20:46

    "Wir retten Leben, sagt mein Vater", habe ich gelesen, es war wirklich sehr gewöhnungsbedürftig und ich habe damals einige Zeit gebraucht, um es zu mögen. Allerdings klingt "Dünn" wirklich sehr spannend 🙂

    1. Paperdreams

      29. Mai 2014 at 20:19

      Das kannte ich noch gar nicht. Überhaupt kannte ich den Autoren vorher nicht, aber ich bin nicht abgeneigt mehr von ihm zu lesen!

  • Nikki

    23. Mai 2014 at 21:33

    Vielen lieben Dank für deine Rezension !
    Ich werde mir dieses Buch wohl demnächst anschaffen müssen – ich bin jetzt umso neugieriger geworden und kann es kaum abwarten dieses Buch selbst in den Händen zu halten 🙂

    Liebe Grüße 🙂

    1. Paperdreams

      29. Mai 2014 at 20:19

      Gerne, liebe Nikki 🙂 Ich hoffe, du wirst es ebenso außergewöhnlich und gut finden, wie ich!

  • Marquess Bramble

    23. Mai 2014 at 16:06

    Das ist auf alle Fälle genau das richtige für mich! Von deiner Beschreibung her erinnert es mich ein bisschen an "Und auch so bitterkalt", was ich genial fand. "Dünn" landet hundertprozentig in meinem Regal 😀

    Liebe Grüße,
    Bramble

    1. Paperdreams

      29. Mai 2014 at 20:18

      Und auch so bitterkalt möchte ich auch unbedingt noch lesen. Bin mal sehr gespannt, was du von Dünn halten wirst 🙂

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