|Rezension| „Die Königliche“ von Kristin Cashore

10. Dezember 2012Marie
Es muss wehtun, wenn er Mama so am Handgelenk packt und zum Wandbehang zerrt.
Als die junge Bitterblue nach König Lecks Schreckensherrschaft zur Königin von Monsea gekrönt wird, ist ihr Reich eine einzige Ansammlung von Trauer und Angst. Das Volk leidet unter seinen Verlusten, das ganze Schloss scheint auf eine skurrile Art verwirrt zu sein und neben einigen Intrigen und Attentaten, weiß Königin Bitterblue nicht mehr weiter. Auf eigene Faust versucht sie herauszufinden, was ihr Vater Leck den Menschen in Monsea angetan hat und warum niemand darüber reden möchte. Über alles und jedem scheint ein undurchdringlicher Nebel zu hängen, der das Bewusstsein verschleiert. Heimlich und verkleidet schleicht sie sich aus dem Schloss und mischt sich unters Volk, wo sie in einer Erzählstube die zwei Diebe Teddy und Saf kennenlernt. Unter dem Namen Sparks lernt sie deren Leben kennen und versucht gleichzeitig herauszufinden, wem sie trauen kann und wer sie hintergeht, denn irgendjemand versucht alljene umzubringen, die die Wahrheit ans Licht bringen wollen und bald ist auch Bitterblue nicht mehr sicher…
Kristin Cashores Schreibstil ist eine Offenbarung in dem Sinne, dass sie derart unverschnörkelt schreibt und dabei doch so verschnörkelt eine Geschichte zu Papier bringen kann. Das klingt unlogisch? Ist es auch. Cashore schreibt einfach so präzise und detailreich und gleichzeitig merkt man gar nicht, wie viele Informationen sie dem Leser in einem einzigen Kapitel unterjubelt, wodurch die Geschichte nie langatmig wurde – ganz im Gegenteil. Ebenfalls sehr faszinierend, gerade bei diesem Teil der Reihe, ist der Beginn des Buches, der sehr vernebelt und verwirrend geschrieben ist. Ich hatte zeitweise das Gefühl auch mein Bewusstsein wurde von Leck manipuliert, so verwackelt war das ganze Bild, welches Cashore dem Leser häppchenweise zugeworfen hat. Eine ganz besondere Leistung, wie ich finde, denn das hat mir die Geschichte direkt doppelt so nahe gebracht. Weiterhin erschafft sie eine sehr epische Atmosphäre, die mich zeitweise schon an alte High-Fantasy-Klassiker denken ließ. 
Manche
Bücher sind wie Brunnen, in die man hineinfällt und deren Wände dann zu
glitschig sind, als das man wieder herausklettern könnte. Es sind jene
Bücher, die dafür sorgen, dass man eine Weile kein anderes Buch mehr
lesen kann, weil der Brunnen zu hoch und zu gewaltig ist, Bücher, die
einem das Gefühl geben, als wäre man völlig aus der Welt gerissen, wenn
man es zuschlägt und sich in den eigenen vier Wänden befindet und nicht
in dem Schloss weit, weit weg von der Welt, die man kennt. Plötzlich
wird die Welt im Buch zu der Welt, die man gerne um sich hätte und die
Realität verwischt zu einem Brei aus bunten Farben, die immer mehr
verblassen. Es ist schon eine kleine Kunst so lebendig und gleichzeitig
phantastisch zu schreiben, dass man einerseits völlig abschalten und
sich treiben lassen kann, andererseits jedoch mitgerissen wird in ein
ganz besonderes Abenteuer, vollgestopft mit Geheimnissen, Rätseln und
Intrigen. Ebenso ein Buch ist „Die Königliche“, was mich eigentlich
nicht hätte überraschen dürfen, was aber dennoch der Fall war.

Das
die Idee, die hinter der „Leck“-Trilogie steckt etwas ganz Besonderes
ist und voller Innovationen steckt, war eigentlich schon im ersten Band
mehr als klar, doch was Kristin Cashore nun mit dem letzten Teil der
Reihe hinlegt ist ein phänomenaler, ja, fast schon königlicher Abschluss
einer Trilogie, für welche der Begriff „episch“ beinahe wie geschaffen
ist. Normalerweise sind Trilogien reinste Geldmacherei und könnten auch
in einem Teil untergebracht werden, doch das was Cashore geschrieben
hat, ist eine reine Trilogie nach der lexikalischen Definition: Eine
Buchreihe, bestehend aus drei Teilen, die unabhängig voneinander gesehen
werden können, aber dennoch Gemeinsamkeiten haben. Der Stoff der
Geschichte, die nun im dritten Teil ihren Abschluss findet, muss auf
jeden Fall von Anfang an durchgeplant und durchdacht sein, denn alles
baut irgendwie aufeinander auf und ergibt schließlich ein fertiges
Mosaik, in welchem all die Rätsel und Fragen endlich gelöst sind.

Zugegeben:
Bis dahin ist es ein langer Weg. Genauer gesagt ein knapp sechshundert
Seiten langer Weg, der am Anfang noch völlig vernebelt ist und zu den
Fragen, die aus den Vorgängern noch geblieben sind, zehntausend weitere
Fragen in den Topf wirft. War ich anfangs noch sehr zwiegespalten, so
fand ich bald Gefallen an dem Verwirrspiel, in welches Cashore ihre
Leser treibt, denn all das hat einen Hintergrund und schien gewollt zu
sein. Die Vernebelung der Menschen hatte sich durch die verwirrenden Ereignisse der Geschichte auf das eigene Hirn
übertragen und auch ich fühlte mich, als wäre ich ein Opfer von Lecks
Gedankenmissbrauch, was die Autorin sehr geschickt in die Geschichte
eingewebt hat: Vieles folgt Schlag auf Schlag, wirre Ereignisse,
merkwürdiges Gerede. Doch letztendlich ergibt der gewaltige Strudel
einen bizarren Sinn und langsam aber sicher, lichtet sich der dichte
Nebel. Was sich dahinter verbirgt? Ein meilenweiter, düsterer Abgrund,
das unbenannte Grauen, Tränen und Leid und viel mehr, als man erwartet
hätte.

Es
braucht seine Zeit bis man die Komplexität durchschauen, die Intrigen
und den Verrat versteht und genau diese Art, ein Buch wie ein kleines
Rätselheft aufzubauen, bei welchem man erst am Ende das finale
Lösungswort herausfindet, hat die Geschichte für mich so einzigartig und
spannend gemacht. Dabei erschafft Cashore eine eigensinnige Atmosphäre,
so fließend und realitätsnah, als wäre die Geschichte eine alte
Legende, die vielleicht sogar stimmen könnte, wozu auch die
mittelalterliche und epische Stimmung beiträgt. Dennoch behält sie
immer sehr leise Töne bei, die Geschichte ist zwar rasant, aber nie
actionreich und dabei dennoch nervenkitzelnd spannend.

Auch
die Figurenkonstellationen sind wieder mehr als gelungen. Wieder wird
dem Leser eine sehr starke (und ihm vermutlich schon aus „Die
Beschenkte“ bekannte) Protagonistin serviert, die ihre Stärke erst
einmal selbst finden muss, denn in der Verwirrung ihres Volkes verliert
auch sie
ihr Vertrauen in sich selbst sehr oft und muss erst lernen mit ihrer
Macht umzugehen, ohne dabei an Leck zu denken. Was sie sehr plastisch
und liebenswert, aber auch sehr menschlich machte, waren ihre vielen
Ecken und Kanten und vor allen Dingen auch die vielen Fehler, die sie
im Laufe der Geschichte begeht. Dabei ist ihr Zusammentreffen mit Saf
sehr faszinierend und berührend geschrieben und behandelt auch viele
moralische Aspekte, die dem Buch noch mehr Tiefe verleihen konnten. Neben
Bitterblue trifft man aber auch auf andere Bekannte aus den Vorgängern,
was dafür sorgte, dass man erfuhr, was aus ihnen geworden ist – auch
der ein oder andere Überraschungsgast!

Was
die Geschichte nun so einzigartig macht? Die leisen Töne und die
dennoch nicht vernachlässigte Spannung, die sich konsequent durch das
gesamte Buch zieht. Die Liebesgeschichte, die eigentlich gar keine ist,
die am Rande dahinplätschert und dennoch ständig präsent war. Die vielen
Themen, die behandelt werden und die Tatsache, dass Cashore selbst
langweilige politische Konflikte sehr gut und spannend darzustellen
weiß. Die epische Atmosphäre, die realitätsnahen Figuren und Szenen.
Kurz gesagt: Einfach alles! Wer es lesen sollte? Jeder, denn ich wüsste
kaum, welches Genre ich der Geschichte zuordnen sollte, denn es ist zwar
High Fantasy, aber ohne altbekannte Zwerge und Elfen. Es ist einfach
etwas völlig Eigenes, Neues und Schönes. Etwas, dass hoffentlich in
einer weiteren Trilogie irgendwie fortgesetzt wird, denn wenn ich es mir
recht überlege, gäbe es noch viel, über das die Autorin schreiben
könnte.

Cashore hat mit dem letzten Teil ihrer Trilogie einen
wirklich königlichen Abschluss hingelegt, der mir noch lange im
Gedächtnis bleiben wird. Schon lange habe ich kein so gutes und
befriedigendes Fantasyabenteuer mehr erlebt wie dieses und ich bin
fast schon ein wenig wehmütig, nun all die Figuren loslassen zu
müssen, die mir im Laufe der Reihe so ans Herz gewachsen sind. Auch
in „Die Königliche“ erschafft Cashore eine Welt jenseits
des Mainstream voller Rätsel und Geheimnisse, innovativer Ideen und
Kreativität und schafft es erneut, mich mit authentischen Figuren,
einer spannenden Geschichte und viel Leidenschaft zu begeistern. So
sehr, dass mir schon fast die Worte fehlen, weil ich so viel einfach nicht mit so wenig Worten auszudrücken weiß. Für mich auf jeden Fall eine uneingeschränkte Leseempfehlung und eine Reihe, die man gelesen haben sollte.

Kristin Cashore wurde in
einem kleinen Ort in Pennsylvania, USA geboren. Sie wuchs als
zweitälteste von vier Schwestern auf. Nach ihrem College Abschluss
studierte Kristin Cashore am Center for the Study of Children’s
Literature in Boston. Danach arbeitete sie als Lektorin und Texterin
sowie in diversen Nebejobs. Kristin Cashore veröffentlichte ihr
erstes Buch, Die Beschenkte (Graceling) 2008. „Beim Leserpreis – Die
besten Bücher 2009“ gewann es auf Anhieb die Silbermedaille in der
Kategorie Allgemeine Literatur. Im Jahr 2009 erschien das Buch „Die Flammenden“ und wurde auch zu einem internationalen Bestseller. Ihr dritter Roman „Bitterblue“ erscheint in den vereinigten Staaten im Mai. 2012 erscheint ihr aktueller Roman auch in deutscher Sprache unter dem Titel „Die Königliche“. Die Autorin lebt und schreibt heute in Boston. [via Lovelybooks]

Eure Wortmalereien (9)

  • Rica

    17. Februar 2015 at 13:50

    Eine traumhafte Rezension <3 Ich kann mich Dir nur anschließen und hoffe auch sehr darauf, dass die Autorin eines Tages in Die Sieben Königreiche zurückkehren wird!Liebe GrüßeRica

  • Ley

    2. Januar 2013 at 17:21

    Wahre Worte! Auf jeden Fall was Kristin Cashore und ihren Schreibstil angeht, den dritten Teil hab ich leider noch nicht gelesen, aber das wird nach dieser Rezi bald nachgeholt!
    Einen wunderschönen Blog hast du und schreibst selber auch unglaublich schön!

    Liebste Grüße,
    LEY

  • Sara

    12. Dezember 2012 at 19:15

    Tolle Rezi, ich freue mich jetzt noch mehr darauf, das Buch endlich zu lesen. 🙂 "Die Beschenkte" und "Die Flammende" haben mir schon sehr, sehr gut gefallen, deshalb bin ich schon richtig gespannt auf den Abschlussband. 🙂

    Übrigens starten wir eine Leserunde zu "Zeitenlos" von Shelena Shorts auf unserem Blog – hättest du vielleicht Lust, daran teilzunehmen? 🙂

  • Lilly

    10. Dezember 2012 at 19:44

    Das hört sich ja echt gut an. Aber bevor ich das Buch lese, sollte ich vielleicht erst mal den 2. Teil lesen 😉

  • Fina

    10. Dezember 2012 at 17:33

    Ahhh, inzwischen habe ich das Gefühl, dass jeder außer mir dieses Buch gelesen hat. Ich sollte es mir wirklich mal kaufen… 🙂

  • Channi

    10. Dezember 2012 at 15:42

    Echt toller Buchtipp 🙂 ich verfolge deine Buchtipps schon etwas länger und habe beschlossen die jetzt zu folgen. Ich habe auch einen Blog und würde mich sehr freuen wenn du bei mir auch mal vorbeischaust und mir vielleicht auch folgst 🙂
    Liebste Grüße, Channi
    http://pinkblueberrymuffin.blogspot.de/

  • May

    10. Dezember 2012 at 15:06

    Mir gefiel es nicht ganz so gut wie dir.

    LG May

  • Lilly

    10. Dezember 2012 at 8:34

    Genau so geht es mir auch. Ich bin nach den ersten beiden Teilen total begeistert und großer Fan ihres Schreibstils und ihrer Figuren. Den dritten Teil muss ich noch lesen, aber ich finde es jetzt schon schade, dass es der letzte Teil ist 🙂
    Sehr schön geschrieben deine Rezi!

    LG
    Lilly

  • Splitterherz

    10. Dezember 2012 at 8:21

    Kann mich nur anschließen! 🙂

    Einfach nur: *___*

    ;D

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