Lyrik und Gedichte – Part 1: Damals

27. Oktober 2018Marie

Manchmal ist es doch verblüffend, wie wenig Worte man benötigt, um ganz viel zu sagen. Manchmal findet man in ein paar Zeilen viel mehr Verständnis als in einem ganzen Buch – und auch wenn Gedichte genau das schaffen, habe ich doch oft das Gefühl, dass sie verpönt werden, dass sie als langweilig oder zu komplex angesehen werden, dass man sich schlichtweg nicht mit ihnen beschäftigen möchte. Aber gute Lyrik ist für mich wie ein guter Songtext – sie berührt irgendetwas in mir, spricht eine Sehnsucht oder einen Gedanken an und nistet sich dann irgendwo in meinem Herzen ein. Aus diesem Grund möchte ich ein bisschen über die Gedichtbände erzählen, die in meinem Bücherregal ein zu Hause gefunden haben und die mich auf irgendeine Art und Weise ansprechen oder berühren können. Den Anfang machen heute klassische Gedichte von bereits verstorbenen Dichtern, zu denen ich meinen Zugang meist über die Schule oder durch mein Studium gefunden habe. Ich bin definitiv kein Experte auf diesem Gebiet (ganz im Gegenteil), aber einige klassischen Gedichte faszinieren mich und diese Faszination ist für mich Grund genug, um diesen Beitrag zu schreiben.

Einen Grundstein für meine Faszination für Gedichte hat wohl definitiv Charles Baudelair gelegt. Wir hatten an der Uni nämlich ein Seminar zu Eduard von Keyserling und haben seine Novelle Wellen behandelt, zu dessen Paratext ein Ausschnitt aus dem Gedicht L’homme et la mer (Der Mensch und das Meer) von Charles Baudelair (einem der bekanntesten französischen Lyriker) gehört:

Vous êtes tous le deux ténébreux et discrets :                                                      Voll Dunkel haltet beide ihr euch stets bedeckt :
Homme, nul n’a sondé le fond de tes abîmes ;                                                     Nie, Mensch, hat jemand deine Untiefen durchdrungen ;
Ô mer, nul ne connaît tes richesses intimes,                                                         Nie, Meer, dir deines Innern Schätze je entrungen,
Tant vous êtes jaloux de garder vos secrets !                                                        So eifersüchtig hütet ihr, was ihr versteckt!

{aus „Die Blumen des Bösen“ von Charles Baudelair}

Der Ausschnitt passte so unheimlich gut zu Wellen, war so gut gewählt und schaffte es, einen Teil der Quintessenz des Buches mit nur wenigen Zeilen wiederzugeben. Das hat mich beeindruckt, mal ganz davon abgesehen, dass die Worte auch etwas in mir erreichen konnten. Meine Faszination zu Die Blumen des Bösen (veröffentlicht 1857) wurde mit der Zeit weiter vorangetrieben, insbesondere durch Seminare, in denen seine Gedichte immer wieder untergeordnete Rollen gespielt, mich letztlich aber zu dieser zweisprachigen Ausgabe aus dem Rowohlt Verlag gebracht haben, durch die ich unfassbar gerne blättere, Gedichte lese und darüber nachdenke oder einfach nur die schönen Worte um mich herum flattern lasse.

Was macht Baudelairs Gedichte so besonders?

Wie viele Künstler erhielten Baudelairs Gedichte erst nach seinem Tod die Anerkennung, die sie verdienten. Zu Lebzeiten wurden Baudelair, sowie Drucker und Verleger von Les fleurs du Mal wegen „sechs angeblich obszöner und gotteslästerlicher Gedichte in dieser Sammlung“ (Quelle) angeklagt und tatsächlich auch verurteilt – die Gedichte wurden zensiert. Und tatsächlich ist seine Lyrik, wie es der Titel Die Blumen des Bösen schon vermuten lässt, sehr düster und morbide, ästhetisiert das Hässliche, das Düstere und den Tod, ist widersprüchlich, erotisch, manchmal sehr klar, um dann wieder wirr und bizarr zu sein. Laut dem Klappentext meiner zweisprachigen Ausgabe sind die Gedichte in ihrer Form noch dem „Klassizismus und der Romantik verpflichtet, sprengen jedoch deren inhaltliche Modelle“.

Ähnlich bin ich zu Gottfried Benn (1886 – 1956) gekommen,  der beinahe schon als ziemlich krasse Steigerung von Baudelair gewertet werden kann. Zugegeben, Gottfried Benns frühe Gedichte sind wirklich sehr, sehr speziell und so morbide, dass man sich beim Lesen fragt, was man davon halten soll. Ich muss allerdings zugeben, dass mich genau solche Gedichte schlichtweg faszinieren. Gottfried Benn war Arzt bevor er Dichter wurde und dieser medizinische Einschlag prägt sein Werk, insbesondere in den Morgue-Gedichten, stark. Benn gilt als einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne und auch er weiß mit Widersprüchlichkeit und Morbidität zu schockieren – romantische Titel wie „Kleine Aster“ und „Schöne Jugend“ werden einem brutalen Inhalt beinahe emotionslos gegenübergestellt und ästhetisiert, was sich teilweise schon sehr verstörend liest.

Aber Gottfried Benn ist mehr als „Kleine Aster“ und „Schöne Jugend“ – im Laufe der Zeit sind seine Gedichte ruhiger und massentauglicher geworden, dennoch kann man in ihnen noch viel Melancholie, Krankheit und Tod finden. Die Ästhetisierung dieser beiden Attribute wird definitiv weitergeführt, wenn auch nicht so extrem wie in seinen Morgue-Gedichten. Auch die Form seiner Gedichte ist teilweise sehr modern und eigenwillig, teilweise klassisch angehaucht.

Ebenfalls Berührungspunkte habe ich natürlich mit den Gedichten von Goethe – ob das nun der Erlkönig, Prometheus oder der Zauberlehrling ist. Seine Lyrik ist vermutlich der erste Kontakt mit klassischen Gedichten gewesen und allein deshalb muss er hier auch genannt werden. An Rainer Maria Rilke muss ich mich erst einmal wieder heranwagen – tatsächlich hatte ich ein Seminar über seine „Duineser Elegien“ und „Die Sonette an Orpheus“ und habe das Thema an sich nicht sonderlich positiv im Kopf. Allerdings weiß ich noch, dass ich manchmal zwischendurch einfach abgeschaltet und die Gedichte gelesen und gemocht habe – manchmal sind Seminare eben auch nicht so förderlich, wenn es um die Liebe zur Literatur geht.

Generell möchte ich mich mehr mit klassischen Dichtern beschäftigen. Ein Gedichtband von Erich Kästner, von dem mein Lieblingsgedicht „Kleines Solo“ stammt, steht beispielsweise auf meiner Wunschliste ganz weit oben. Aber auch mit Gedichten von E.A. Poe, Emily Dickinson, Victor Hugo, Slyvia Plath, Geork Trakl und vielen mehr möchte ich mich mehr auseinandersetzen und mein Regal sowie mein Wissen weiter ausbauen.

Wie sieht es bei euch aus? Mögt ihr klassische Gedichte und wenn ja, welche genau und warum?

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