Loyalitäten von Delphine de Vigan

12. Februar 2019Marie

Der zwölfjährige Théo ist ein zurückgezogener Schüler, der zwar gut in der Schule ist, von den Lehrern aber dennoch als auffällig still bezeichnet wird. Was sich hinter der Fassade des kleinen Jungen verbirgt, will jedoch niemand wissen – dass seine Eltern sich getrennt haben und Théo sich abwechselnd um seinen vereinsamten und depressiven Vater und seine abweisende und unglückliche Mutter kümmern muss zum Beispiel. Oder dass Théo heimlich Alkohol trinkt, um alles zu vergessen. Nur sein bester Freund Mathis weiß Bescheid, doch dieser traut sich nicht, seinen Freund zu verraten. Und Théos Lehrerin Hélène, die ahnt, das mit ihm etwas nicht in Ordnung ist, versucht mit allen Mitteln, den Jungen zu erreichen…

Von falschen Loyalitäten und der Welt hinter der Fassade

Bücher müssen nicht dick sein, um viel auszudrücken – „Loyalitäten“ von Delphine de Vigan verdeutlicht diese Tatsache mit einer grausamen Eindringlichkeit auf kurzen 176 Seiten. Mit einem prägnanten, aber doch sehr bildhaften Schreibstil zeichnet sie die ungeschönten Skizzen mehrerer Menschen, deren Loyalitäten und Schicksale miteinander verwoben sind und wirft einen Blick hinter die Fassaden. Dabei legt de Vigan ihren Fokus insbesondere auf die komplexen Beziehungskonstellationen und die damit verbundenen, oftmals gefährlichen Loyalitäten, die wir gegenüber den Menschen empfinden, die uns wichtig sind. Théos Situation steht so stellvertretend und in extremer Weise für diese Art von Loyalität und bietet ein erschreckendes Bild von einem Kind aus einem zerrütteten Familienverhältnis.

Auf Grund der Kürze der Erzählung und dem relativ offenen Ende könnte man meinen, dass die Geschichte nicht sonderlich in die Tiefe geht, doch im Gegensatz dazu ist „Loyalitäten“ unheimlich intensiv und durch die Thematik auch eindeutig keine einfache Lektüre. Die Erzählperspektive wechselt im Laufe der Geschichte immer wieder zwischen den einzelnen Figuren – da ist einmal Théo, sein bester Freund Mathis, dessen Mutter Cécile und die Lehrerin Hélène, sodass der Leser einen vielfältigen Blickwinkel auf die einzelnen Charaktere und ihren jeweiligen Geschichten erhält. Hier hätte die Geschichte für meinen Geschmack gerne noch weiter ausgebaut werden können, gerade was Cécile angeht, allerdings ist auch die Offenheit der Erzählung prägend für die Atmosphäre des Buches. Die bedrückende Stimmung bleibt so bis zum Ende erhalten und der Leser kann sich mögliche Verläufe selbst erschließen.

Ungeschönt, atmosphärisch und erschreckend ehrlich!

Delphine de Vigan schafft es, diesen wichtigen und erschreckenden Themen mit ihrem Schreibstil eine passende Stimme zu verleihen, die mit leisen Tönen und nie vorwurfsvoll oder anklagend spricht. Allerdings ist sie dabei auch brutal ehrlich und präsentiert die Wahrheiten ihrer Figuren ungeschönt und nüchtern. Dennoch hat man nie das Gefühl, dass sie mit diesem sensiblen Thema in irgendeiner Weise achtlos oder unsorgsam umgehen würde – im Gegenteil: de Vigan appelliert daran, aufmerksam zu sein, die Konstrukte und Loyalitäten zu hinterfragen, die wir aufbauen und die uns prägen. Auf eine besonders eindringliche Art und Weise macht sie deutlich, wohin solche Abhängigkeiten auf unterschiedlichsten Wegen führen können.

„Loyalitäten“ ist ein starkes Buch, ein relevantes, ein gesellschaftskritisches, ein vielfältiges Buch. Mit lauten, leisen Tönen und einer eindringlichen Erzählerstimme, lässt sich diese Geschichte nur langsam und häppchenweise lesen. Die polyperspektivische Erzählsituation gewährt einen vielfältigen Blick in die verschiedensten Schicksale und verwebt alle Figuren auf eine besondere Art miteinander, wobei im Fokus immer Théos Schicksal steht, umgeben von den Loyalitäten der anderen Figuren. „Loyalitäten“ ist vieles, aber insbesondere ein Buch, das man ganz unbedingt lesen sollte!

Eckdaten

DuMont Verlag / 176 Seiten / 20,00€ / ISBN-13: 978-3832183592 / Les Loyautés / Doris Heinemann (Übers.)

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