Frankenstein von Mary Shelley

9. Oktober 2018Marie

Der hochbegabte Schweizer Victor Frankenstein studiert in Ingolstadt und experimentiert dabei intensiv mit Leben und Tod. Je weiter er in die Materie vordringt, umso einfacher fällt sie ihm und schließlich ist er sogar in der Lage, eine von ihm zusammengebastelte, menschliche Gestalt zum Leben zu erwecken – einen künstlichen Menschen zu erschaffen. Doch seine Schöpfung entpuppt sich schnell als grauenerregendes und hässliches Monster, das sein Leben zerstört. Nach einigen Unglücksfällen, weiß Frankenstein, dass er seine Schöpfung vernichten muss, um die Menschheit von seinem Rachedurst zu befreien. Doch ist ein hässliches, menschenähnliches Monster kein Mensch? Und heißt das auch, dass er keine Gefühle haben kann?

Horrorklassiker und Schauergeschichte – aber eigentlich doch ganz anders!

Wenn manch einer an Frankenstein denkt, hat er ein hirnloses, hässliches und ekelerregendes Ungetüm im Kopf. Ein düsteres Labor mit merkwürdigen Gerätschaften und einer merkwürdig zusammengeflickten Horrorgestalt, die plötzlich erwacht und sich aufrichtet. Einige wissen dabei nicht, dass Frankenstein der Schöpfer und nicht das Monster selbst ist. Doch ein Großteil weiß darüber hinaus nicht, dass Frankenstein viel mehr als bloß eine Schauergeschichte ist. Dass die gruseligen Elemente viel weniger die Schöpfung und Beschreibung des Monsters sind, als vielmehr die moralischen und philosophischen Fragen, mit denen Victor Frankenstein sich im Laufe des Romans immer intensiver auseinandersetzen muss. Diese Fragen nach der Schöpfung des Menschen und der Pflicht, die damit einhergeht Gott zu spielen, die die damals neunzehnjährige Mary Shelley im Jahre 1814 im Rahmen eines Schauergeschichtenwettbewerbs in Frankenstein behandelte, sind wesentlich und prägend für den Roman. Doch insbesondere diese Fragen können den Leser ab und an mehr gruseln, als jedes hirnlose Monster…

Besonders auffällig ist dabei, dass Shelley sich wenig mit der detaillierten Beschreibung der Schöpfung und Erschaffung des Monsters auseinandersetzt, sondern vielmehr direkt Frankensteins Dilemma beschreibt. Ihr relativ distanzierter Schreibstil, der wenig Nähe zulässt, erledigt dabei sein Übriges. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass man trotz jeder Distanz und der kargen Beschreibung von Orten stets ein klares Bild im Kopf hat, während man liest. Insbesondere die Eisfelder und die Landschaft des Mont Blanc erschaffen dabei faszinierende Bilder im Kopf und noch dazu eine besondere Atmosphäre. Auch Frankensteins Monster sieht anders aus als ich es im Kopf hatte, wobei seine Hässlichkeit an jeder Stelle betont, aber selten wirklich detailliert beschrieben wird, wodurch es teilweise schwer fällt, die Reaktion der Menschen zu verstehen.

Der Schöpfer und sein Monster – richtig oder falsch?

Die Erzählsituation ist ebenso eigenwillig wie der Rest des Buches: die Geschichte beginnt mit Briefen des Kapitäns Walton, der in die Heimat an seine Schwester schreibt und während einer Schiffsexpedition durch den Nordpol Victor Frankenstein vor dem Tod rettet. Dieser erzählt dann in einer Rückblende von seinem Leben und der Erschaffung seines Monsters, was allerdings Teil der Briefe ist, die Walton an seine Schwester schreibt. In der Erzählung Frankensteins erhält auch das Monster selbst Gelegenheit einen Teil aus seiner Perspektive zu erzählen. Die verschiedenen Erzählebenen ermöglichen dabei nicht nur einen fesselnden Einblick, sondern machen das Dilemma einmal mehr deutlich: Frankenstein auf der einen Seite spricht seinem Monster jegliche Gefühle ab und hält es für einen leibhaftigen Teufel, während das Monster auf der anderen Seite einen anderen Eindruck vermittelt und durch die äußeren Umstände zu seinen Taten gezwungen wird. Richtig und falsch, schwarz und weiß scheinen immer mehr ineinander zu verschwimmen.

Frankenstein ist ein besonderes Buch – ein Buch, das heutzutage beinahe noch mehr Aktualität genießt als vor rund 200 Jahren. Ein Buch, das mehr ist, als lediglich eine Schauergeschichte und das definitiv einiges zu bieten hat. Die Ausgabe aus dem Manesse Verlag liefert neben der Geschichte übrigens auch einige interessante Interpretationen und Fußnoten, die es dem Leser ermöglichen, sich noch tiefgehender mit der Materie auseinanderzusetzen!

Eckdaten

Manesse Verlag / 22,00€ / 464 Seiten / Alexander Pechman (Übers.) / Georg Klein (Nachwort)

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