Die Unsterblichen von Chloe Benjamin

7. April 2019Marie

Vier Geschwister. Vier Todeszeitpunkte. Vier Leben. Varya, Daniel, Klara und Simon könnten unterschiedlicher nicht sein. Während die älteste Schwester Varya zurückhaltend und ängstlich und Daniel eher vernünftiger Natur ist, sind die Jüngeren, Klara und Simon, wilder und mutiger. Doch sie alle haben eines gemeinsam: Von einer Seherin haben sie den Tag erfahren, an dem sie sterben werden. Alle vier gehen unterschiedlich mit diesem Wissen um, doch was ist der richtige Weg? Und stimmt die Vorhersage der Frau überhaupt?

Leben oder Überleben

Wie lebt man richtig und erfüllt? Mit ebendieser so simpel wirkenden Frage beschäftigt sich „Die Unsterblichen“ und stellt vier gänzlich unterschiedliche Lebensmodelle sowie das Bild der zerrütteten und komplizierten Familie Gold vor, die sich mit schlimmen Schicksalsschlägen und sich selbst auseinandersetzen muss. Dabei stehen insbesondere die vier Geschwister Varya, Daniel, Klara und Simon im Fokus, deren jeweilige Leben hintereinander erzählt werden und je mit dem Todestag der erzählenden Person enden. Vor dem Hintergrund des Wissens um den eigenen Todestag beleuchtet Chloe Benjamin, wie ihre Figuren ihr Leben wahrnehmen und bewältigen – von dem lebensbejahenden Simon, der seine Sexualität erkundet und auslebt, über die traurige Klara, die als Zauberkünstlerin arbeitet, bis hin zu dem vernünftigen Daniel, der sich ein stabiles Umfeld aufbaut sowie der ängstlichen Varya, die sich hinter der Wissenschaft versteckt. Prägnant ist hierbei vor allen Dingen, dass der Roman dabei nicht wertend ist und es schließlich dem Leser überlässt, was dieser als richtig erachtet.

In erster Linie ist „Die Unsterblichen“ ein Familienroman, ein Selbstfindungsroman. Ein Roman über das Leben und leben lassen, über das Retten und Selbstretten und über das Verzeihen – sich selbst, aber auch anderen. Es ist ein Roman, der in leisen Tönen spricht, der die Gefühlswelt und Beziehungen der Figuren beleuchtet. Es gibt keinen großen Knall, kein Aha-Erlebnis, nur das Leben selbst und wie unterschiedlich Menschen leben. Dennoch wird die Geschichte von einer unterschwelligen Spannung begleitet, die jedem Erzählstrang anhaftet. Alle vier Figuren, die ihre Lebensgeschichte erzählen, sind spannend, aufwühlend und emotional – auf die eine, oder die andere Art. Chloe Benjamin schafft es, dreidimensionale und vielfältige Figuren zu zeichnen, die sich stark voneinander unterscheiden, aber dennoch allesamt auf ihre Weise sympathisch und verständlich gemacht werden. Ohne etwas zu beschönigen oder unnötig zu dramatisieren, macht die Geschichte nachdenklich und ist einfühlsam erzählt.

Eine ruhige und nachdenkliche Geschichte

Chloe Benjamin schreibt mit leichter Hand, dabei aber sehr tiefsinnig und bewegend. Ihr Schreibstil geht unter die Haut, was inbesondere deswegen faszinierend ist, da die Geschichte zwar viele düstere Momente aufweist, insgesamt aber nur selten wirklich überrascht – im Gegenteil: Der Leser wird oft bereits auf das kommende Geschehen vorbereitet oder mit Hinweisen darauf aufmerksam gemacht, wie die Geschichte weitergehen wird. Dennoch bleibt man an die Seiten gefesselt und folgt dem Schicksal dieser vier Figuren, die besonders und vielschichtig sind. Und mit jeder Seite hofft man darauf, dass die Vier das Richtige tun – oder zumindest das, was man selbst für das Richtige hält.

Eine weitere gute Eigenschaft des Romans ist die Diversität, die thematisiert wird und dabei nicht konstruiert oder gewollt wirkt. Die Familie Gold hat einen jüdischen Hintergrund, sodass auch das Thema Religion stets beleuchtet und aufgegriffen wird. Während der Vater noch sehr viel Wert auf die jüdischen Traditionen legt, weicht der religiöse Glaube bereits bei der Mutter und den Kindern auf, wird jedoch immer wieder hinterfragt und dient zeitweise auch als Stütze. Darüber hinaus ist Simon homosexuell und lebt dies trotz Diskriminierungen von Außen sehr freizügig aus – allerdings werden auch andere Lebensmodelle von Homosexuellen dargestellt. Chloe Benjamin geht ungezwungen und leichtfüßig mit diesen Themen um und verwebt sie glaubwürdig und feinfühlig in der Geschichte.

„Die Unsterblichen“ ist ein besonderer Roman mit vielen verschiedenen Thematiken und Lebensmodellen, der unter die Haut geht und dort bleibt. Trotz der ruhigen Stimmung geschieht einiges in diesem Buch und es geschieht stets ohne Wertung und erhobenen Zeigefinger. Eine berührende Geschichte, die nachdenklich macht und im Kopf bleibt.

Eckdaten

btb Verlag / 480 Seiten / €20,00 / The Immortalists / ISBN: 978-3442758197 / Norbert Möllemann (Übers.)

Eure Wortmalereien (2)

  • Kate

    26. April 2019 at 6:59

    Hallöchen,
    ich hab das Buch im Dezember gelesen und fand es auch toll. Die Thematik war total interessant und wie unterschiedlich sich die vier Geschwister dadurch entwickelt haben. Ich fand es auch faszinierend, wie alles irgendwie zusammenhing.
    Nur leider hat mich das Buch nicht vollends abgeholt 🙁 Und ich kann mir nicht erklären wieso. Es hat mich einfach nicht richtig gepackt.
    Ich hab deine Rezension in meiner verlinkt!
    Liebste Grüße, Kate

  • DIE UNSTERBLICHEN von Chloe Benjamin | Kateastrophy

    26. April 2019 at 6:51

    […] Kill Monotony | Wortmalerei […]

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