Das Lied von Eis und Feuer: Die Herren von Winterfell + Das Erbe von Winterfell von George R. R. Martin

2. April 2019Marie

Kaum ein Fantasyepos neben Der Herr der Ringe wurde so gehyped wie Das Lied von Eis und Feuer von George R. R. Martin. Und kaum ein Gespräch vergeht, ohne dass irgendjemand auf das Thema Game of Thrones zu sprechen kommt. Und ganz sicher kommt man nicht durch das Internet, ohne auf irgendeine Art und Weise für die Buchreihe und/oder die Serie gespoilert zu werden. Tatsächlich ist der Hype (bisher) ziemlich gemächlich an mir vorbeigezogen (und trotzdem wurde ich bereits mehrfach gespoilert!) und hat mich trotz meiner Begeisterung für epische und komplexe High Fantasy relativ kalt gelassen. Vielleicht liegt das an der Tatsache, dass der Reihe nachgesagt wird, dass sie voller Brutalität und Gewalt steckt und dass Frauenfiguren nicht sonderlich gut wegkommen. Patriarchales Mittelaltersetting halt, auch wenn es Fantasy ist. Nun, da am 14. April 2019 die finale und achte Staffel der Serie anläuft, ist es aber doch geschehen: Ich habe Buch und Serie begonnen und bin Game of Thrones trotz anfänglicher Skepsis irgendwie verfallen.

Ein Labyrinth aus Intrigen, Krieg und Verrat

Die Geschichte um Westeros, die Familie Stark und den Kampf um den Eisernen Thron ist definitiv komplex und vielfältig, steckt voller unterschiedlicher Handlungsstränge und ist ein Labyrinth an Intrigen, Krieg, Vertrauen und Verrat. Unzählige Namen und Zugehörigkeiten, Beziehungen und Verbindungen strömen auf den ersten Seiten auf den Leser ein und verlangen durchaus einiges an Aufmerksamkeit, wenn auch nicht so viel, wie ich gefürchtet hatte. Durch die Polyperspektive des Romans erhält man nicht nur verschiedene Sichtweisen, sondern darüber hinaus ein faszinierendes Spektrum an unterschiedlichen Figuren in unterschiedlichen Situationen (das reicht von einem neunjährigen Mädchen über einen Zwerg bis hin zu einem Lord). Dabei ist es durchaus von Vorteil, dass jede einzelne Perspektive auf ihre Weise spannend ist und neue Einsichten und Informationen bringt – zwar hat man beim Lesen auf jeden Fall seine Favoriten, allerdings gibt es auch keinen Handlungsstrang, der nicht interessant wäre. Ob das nun der Lord von Winterfell, Eddard Stark, seine Frau Catelyn oder seine Kinder, die Prinzessin Daenerys Targayen oder der Zwerg Tyrion Lennister sind – jede einzelne Figur und jeder einzelne Charakter ist auf seine Weise faszinierend.

Hinzu kommt ein weitläufiger und ausgesprochen gut ausgearbeiteter Weltentwurf, der stets atmosphärisch dicht beschrieben wird und voller Entdeckungen steckt. Westeros und die umliegenden Kontinente ergeben eine vielseitige Welt, die aus unterschiedlichen Landschaften und Völkern besteht und in den Büchern eine tragende Rolle einnimmt – schließlich geht es unter anderem um den Besitz von Ländereien unter den Lords, um Krieg und Reisen durch die Welt. Einen guten Überblick gibt dabei die Weltkarte, die in jedem der Bücher zu finden ist, und dem Leser die Möglichkeit gibt, Wege und Strecken der Figuren bildlich zu verfolgen. Und überaus bildlich ist auch die ganze Geschichte gestaltet – zu jedem Zeitpunkt hatte ich genaue und detailreiche Bilder im Kopf, die das Lesen zu einem tollen Ereignis gemacht haben. Sicherlich ist das auch eine Konsequenz der Serie, deren Schauspieler man ja bereits kennt, ohne die Serie überhaupt gesehen zu haben. Dennoch habe ich die erste Staffel der Serie erst nach den ersten zwei deutschen Büchern gesehen und das war auch gut so. Die erste Staffel ist teilweise so nah an der Serie, dass ich das Gefühl hatte, ich würde die Bücher noch einmal lesen – nur eben in Bildern und gesprochenen Worten.

Spannende Handlung, komplexe Beziehungen

Die ersten beiden Bücher der deutschen Übersetzung, die im englischsprachigen Original den ersten Band ergeben, habe ich (trotz hoher Seitenzahl) relativ schnell verschlungen. Das liegt einerseits an der durchweg spannenden Handlung, andererseits aber auch an dem Erzählstil von George R. R. Martin, der eine derart dichte Atmosphäre erschafft, dass man sich dieser kaum entziehen kann. Sprachlich bleibt er seinem Setting sehr treu, sodass man stets das Gefühl hat, sich tatsächlich in einer mittelalterlichen Fantasywelt zu befinden und diese Illusion wird zu keinem Zeitpunkt zerstört. Komplexe Beziehungen und Situationen beschreibt Martin so geschickt, dass man stets folgen kann und sehr selten nur zurückblättert, um sich zu erinnern wer nun noch einmal diese eine Person ist und was sie mit einer anderen Person zu tun hat (bei derart vielen Namen ist das aber definitiv zu verzeihen!). Zu Beginn habe ich mich mit einigen Dingen zwar schwer getan, wie beispielsweise die unterwürfige Position der Frauenfiguren, die sich in einer männlich dominierten Welt behaupten müssen, allerdings entwickeln sich die verschiedenen Frauen (beispielsweise Catelyn, Arya, Sansa und Daenerys, aber tatsächlich auch Antagonistin Cersei) derart interessant, dass ich hier sehr viel Potenzial für die Folgebände sehe. Ja, die Welt ist patriarchalisch konstruiert und steckt voller Gewalt und Brutalität, allerdings stehen dem auch viele moralisch gute Figuren gegenüber, sodass ich bisher durchaus damit leben kann.

Die Herren von Winterfell und Das Erbe von Winterfell (zusammen Band 1) sind ein durchweg fesselnder Auftakt von Das Lied von Eis und Feuer und haben mich bereits jetzt gefesselt. Ich bin sehr gespannt, ob das auch so bleibt und werde auf jeden Fall weiterlesen (und weitersehen).

Eckdaten

blanvalet Verlag / 1120 Seiten / je €16,00 / A Game of Thrones (Originaltitel) / Jörn Ingwersen (Übers.)

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