Blogtour | Heldentage – „Easy“ von Sabine Raml

7. März 2015Marie
Und hier gehen die „Heldentage“ auch schon weiter. Heute gibt es etwas ganz besonderes im Rahmen der Blogtour zu Sabine Ramls „Heldentage“ – nämlich ganz exklusiv die Kurzgeschichte „Easy“, die Sabine Raml geschrieben hat. Ich und drei andere Blogger haben diese Kurzgeschichte von Heyne fliegt zur Verfügung bestellt bekommen und dürfen sie euch heute und hier präsentieren – bisher ist sie nämlich noch unveröffentlicht. Daher wünsche ich euch jetzt ganz viel Spaß mit…

„Becks muss mal.“

Ich bleibe sitzen und betrachte Becks. Seine
Nasenhaare zittern leicht, der Brustkorb unter seinem grauen Fell hebt und
senkt sich gleichmäßig. Super, mein bester Freund ist ein schnarchender
Hundeopa.
„Lenny!“ 
Moms Gesicht im Türrahmen, ihre bunt geblümte
Schürze. Warum muss sie so altmodisches Zeug tragen, nur weil sie Kuchen backt?
Hat sie Angst, dass der im Ofen explodiert und ihr die Kleidung ruiniert?
„Zieh mir nur eben die Joggingklamotten an.“
„Aber eine große Runde, wenn ich bitten darf, der
arme Hund.“
Sie schüttelt den Kopf. Schnell, ich muss
flüchten, sonst kann ich mir wieder wer weiß was anhören: Becks ist dein Hund,
du wolltest ihn, früher hast du dich viel mehr um ihn gekümmert … Mom hat
recht, aber früher hat auch kein Problemhaufen meinen Kopf verstopft und Liebeskummer
war was für Weicheier.
Früher Nachmittag, hellblauer Himmel. Eine Sonne,
die gewittermäßig auf die Erde knallt. Straßen, Autos, Fahrräder. Leute, die an
der Haltestelle stehen und schwitzen und auf den Bus warten. Musik, die ich nur
deshalb höre, weil jemand kurz die Tür des italienischen Restaurants öffnet.
Ramazotti oder wie der Ex von der Hunziker heißt. Wenn ich die im Fernsehen
sehe, denke ich immer an Lea, weil die genauso tolle Haare hat, nur, dass sie immer
irgendwie ungekämmt aussehen. Ich will nicht an Lea denken, Lea gleich
schlechtes Gewissen gleich schlechte Laune. Nein, nicht denken, joggen! Beim
Joggen kann ich mir das viele Grün angucken und den glücklichen Becks, der regelmäßig
seine Schnauze in irgendein Erdloch steckt. Beim Joggen kann ich lauter
Zehn-Dinge-Listen erfinden. Die zehn
besten Songs aller Zeiten. Die zehn coolsten Reiseziele der Welt. Die zehn
hippsten Turnschuhe.
Schuhe sind wichtig, ich hab bestimmt zwanzig Paar, aber
mein Herz hängt nur an den schwarzen Adidas-Turnschuhen, die ich gerade trage.
Weil ich die ständig anhabe, besitze ich sie gleich zweimal: einmal zum Joggen
und einmal für den Alltag.
Mücken und Bienen und Schmetterlinge. Ich laufe
links rechts, denke an Griechenland, an die Sonne, den Strand und die hübschen Bikinimädchen.
Ich werde schneller, ein paar Mädels aus der Neunten stehen zwischen den
Haltestellenleuten und schauen mir nach. Klar erkennen die mich, aber wenn ich
so aussehe, wie ich mich fühle, dann wohl ziemlich durch den Wind.
Dann kommen die letzten Häuser und die letzten
Autos und ich kann keuchen und auf den Boden spucken, so laut und viel ich
will, die Bäume interessiert das einen Scheißdreck. Manchmal macht mein Kopf
Musik aus der Waldstille. Coldplay, Revolverhelden, Lady Gaga. Ich jogge und
summe und pfeife und singe. Ich brauche verdammt nochmal Zeit zum Nachdenken.
Ich laufe und denke nach und höre überall
Geräusche. Starre in die Büsche, glaub, da war was. Hoffe, dass die
Wildschweine meinen Schlüssel in der Hosentasche klimpern hören und mehr Schiss
haben als ich. Im Wald joggen ist Adrenalin pur. Ich laufe ja nicht nur kurz
rein, ich jogge ja einmal quer durch und wieder zurück, und manchmal, ich weiß
nicht wie, steht plötzlich jemand vor mir und ich denke, gleich bleibt mir das
Herz stehen und ich falle tot um. Heute denke ich das nicht, heute denke ich
nur: Was macht denn Simone hier, mitten im Wald, in diesem engen Trägertop und
den unfassbar kurzen Shorts?
„Na? Joggst du?“
Nee, das sieht nur so aus, in Wirklichkeit bring
ich gerade den Müll runter.    
„Logo, und du? Wusste gar nicht, dass du joggst.“
„Es gibt eine Menge Dinge, die du nicht von mir
weißt.“
Simone hat diesen Frauenblick, guckt, als wäre sie
viel älter und hätte Ahnung von allem. Mir ist klar, dass man nichts und vor
allem keine Mädchen miteinander vergleichen soll, aber wenn ich es tun würde,
wäre Lea an dem einen Ende der Skala und Simone an dem anderen. Wie Südpol und
Nordpol, zwischen den beiden liegen Welten. Weil Simone nun neben mir läuft,
drossle ich mein Tempo ein wenig. Ihre Beine sind sehr braun und endlos lang.
Links rechts, links rechts, das klappt gleich im Takt.
„Sag mal, hast du nicht Grippe oder so?“
„Klar, siehst du doch, vierzig Fieber und
Schüttelfrost.“ Ich wische mir mit dem Handrücken theatralisch über die Stirn
und schüttle wie wild meine Arme. Simone lacht und ich lache auch, simpler
geht’s kaum.
„Was hältst du von einer Pause? Wir könnten uns
was zu trinken besorgen und auf den Teufelsberg gehen.“
Der Teufelsberg ist gerade wahnsinnig angesagt.
Ich nicke zweimal: Teufelsberg und Bier. „Ich hab aber kein Geld dabei.“
Sie greift sich lächelnd an den Hintern und
zaubert einen Fünfer aus der Tasche. „Für den Notfall.“
Wir drehen um und holen uns bei der Transe Bier.
Die Transe ist Kult, jeder liebt sie, vor allem Becks, der flippt vor Freude
fast aus und bekommt einen Riesennapf frisches Wasser und einen dicken Kuss auf
den Kopf. Mit den Bierflaschen steigen wir auf den Teufelsberg, ganz relaxt,
wir klettern nur da hoch. Der Himmel ist blau und die Sonne scheint. Wespen und
Grashalme und Käfer. Leute unter Sonnenschirmen, alle sehen ganz entspannt aus.
Wir stoßen an und trinken unser Bier. Easy going hier oben und die Stadt da
unten ganz nett. Türme und Dächer und sogar ein Flugzeug.  
Kann der Mann da drüben bitte mal sein Radio
lauter stellen?
So laut, dass man gar nicht anders kann, als sich
tierisch über seine laute Musik aufzuregen. Wenn ich mich aufrege, muss ich mir
keinen Kopf mehr machen, was ich sage. Themen fallen ja nicht einfach so vom
Himmel, die muss man suchen und passen müssen sie dann auch noch. Zwischen uns
Jungs ist das kein großes Ding: Mädchen, Bier, Fußball, manchmal die Schule. Aber
ich hab echt keine Peilung, was Mädels so interessiert. Bei Lea war ziemlich
viel tabu. Aussehen, Schule, Eltern. Noten, Geld, Urlaub.
Lea …
Simones nacktes Bein an meiner Wade, der Geruch
von Apfelshampoo, Vanillecreme? Mist, keine Zigaretten, logisch, dass ich die
zum Joggen nie mitnehme. Wir sitzen da und unterhalten uns. Erzählen uns, was
wir in den Ferien vorhaben, wie das Schuljahr war, welche Zeugnisnoten wir erwarten.
Ich laufe nicht weg, ich sage nichts Dummes, werde nicht mal rot. Irgendwann
haben wir unser Bier ausgetrunken und Simone fragt, ob wir noch ein bisschen
durch die Straßen laufen wollen, einfach so, just for fun.
„Super Idee“, sage ich, „aber für Becks wird das
zu heiß, den müssen wir vorher nach Hause bringen.
Simone streichelt Becks über den Kopf. „Klar, lass
uns erst zu dir gehen.“
Und ich stelle mir vor, wie Mom uns mit ihrer
lächerlichen Schürze die Tür öffnet und der Kuchen ist wieder nicht explodiert.
Wie froh sie sein wird, dass ich nicht Lea, sondern ein anderes Mädchen
anschleppe. Sie wird sich Simones Haare angucken, die nach Apfel riechen und
frisch gekämmt sind, und sie wird übers ganze Gesicht strahlen, weil sie bei Simone
auch keine Löcher in den Schuhen entdeckt. Ich frage mich, wie das alles
weitergehen soll: mit Lea und Simone und den Mädels allgemein.
„Es macht dir also nichts aus?“
„Nee, der arme Kerl braucht dringend Schatten und
Wasser, komm.“
So easy kann die Sache mit einem Mädel also auch
laufen. Und ich denke weiter, an meinen Kumpel Dirk und seine Freundin Pola. Die
beiden schlafen schon lange miteinander. Ich denke an Sex, den ich noch nie
hatte und den ich mit Lea frühestens in zehn Jahren hätte. Fast ein Jahr lang waren
wir zusammen und bis auf Händchen halten ist kaum was gelaufen.
Die
zehn mutigsten Momente.
Simones himmelblaue Augen, die
schwarzen Wimpern, der lächelnde Mund. Ich beuge mich ein bisschen vor. Vanillecreme,
hundert pro. Ich schließe die Augen. Keine Ahnung, ob es irgendwann in meinem
Kopf neue Listen gibt. Die zehn geilsten
Küsse, die zehn heißesten Sexnächste,
so was in der Art. Und dann stellt
der Mann sein Radio tatsächlich lauter und Becks bellt und ich schrecke zurück
und lache, bis mir die Tränen kommen. Easy…

© Sabine Raml

Ich hoffe, euch hat diese kleine Kurzgeschichte von Sabine Raml gefallen – sie spiegelt ein wenig den Stil wieder, den man auch in „Heldentage“ selbst finden kann. Vielleicht ist sie ja für einige ein kleiner Appetithappen und macht Lust auf das Buch. Weiterhin noch viel Spaß mit der Blogtour – die nächste Station findet ihr bei Bücherkeks, Leseeule Theresa und Bows and Fairytales

Eure Wortmalereien (1)

  • karin

    7. März 2015 at 7:03

    Hallo und guten Morgen, netter Einblick in diesen Roman..das macht Lust.LG..Karin..

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